Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Musikfest 2020: Motto »Glauben«

Wo das Wissen endet, beginnt die Sphäre, die uns erst zum Menschen macht.

Glauben Sie, es regnet morgen? Glauben Sie, dass der Klimawandel die Polkappen schmelzen lässt? Glauben Sie, der HSV steigt wieder in die Erste Bundesliga auf? Glauben Sie, es gibt ein Leben nach dem Tod? Glauben Sie an Gott?

Es ist ein vielschichtiges kleines Wort, dieses Verb »glauben«, das sich das Internationale Musikfest Hamburg in seiner aktuellen Ausgabe als Motto gegeben hat. Natürlich wird es zuvorderst mit der Religion assoziiert, mit dem Bekenntnis des Glaubens. Doch bei näherem Hinsehen offenbaren sich viele weitere Annäherungen. Glauben fängt da an, wo wissen aufhört, wo logisch denken nicht hinkommt, wo sich meinen mit hoffen gegen zweifeln verbündet. Eine extrem bedeutsame Sphäre für den letztlich doch ziemlich irrationalen Menschen. Der Philosoph René Descartes ließ sie vor lauter Aufklärungsethos völlig außer Acht, als er einst postulierte: »Ich denke, also bin ich.« Schade eigentlich. Vielleicht hätte »Ich glaube, also bin ich« unser Menschsein noch etwas besser auf den Punkt gebracht.

Frans Hals: Portrait von René Descartes
Frans Hals: Portrait von René Descartes © Louvre / Wikimedia Commons

Diesen unterschiedlichen Anknüpfungspunkten geht das Hamburger Musikfest in insgesamt 35 Produktionen nach. Sie decken über 400 Jahre Kulturgeschichte ab, reichen vom Soloabend über Kammer- und sinfonische Musik bis zu szenischen Projekten, von Klassik über Jazz bis Pop.

Hier durch’s Programm stöbern

Internationales Musikfest 2020

Woran glauben? Internationale Top-Künstler antworten mit Musik.

Zum Festivalprogramm

Glauben im Abendland: Christentum

Ein zentraler, aber weiß Gott nicht der einzige Aspekt ist naturgemäß der christliche Glaube, der das Abendland wesentlich prägte. In der Musik schlug er sich primär in Form von Kompositionen für den kirchlichen Rahmen nieder. Beispielhaft versammelt das Musikfest einige grandiose Meilensteine, darunter Mozarts große c-Moll-Messe, das »Stabat Mater« von Francis Poulenc und die »Glagolitische Messe« von Leoš Janácek. Schon auf diesem Feld offenbart das Programm allerdings eine gewisse charmante Brechung: So erkundet Sir John Eliot Gardiner mit seinen famosen Ensembles, wie Claudio Monteverdi gewitzt zwischen geistlichen und weltlichen Motetten wechselte. Und der Tenor Benedikt Kristjánsson präsentiert Bachs wohlbekannte »Johannes-Passion« – wobei er allerdings sämtliche Partien selbst singt.

Anna Lucia Richter

Mozart: c-Moll-Messe

Anna Lucia Richter, NDR Elbphilharmonie Orchester & Herbert Blomstedt

Zum Konzert
Lisa Batiashvili

Eröffnungskonzerte

Lisa Batiashvili, Iveta Apkalna, NDR Elbphilharmonie Orchester & Alan Gilbert

Zum Konzert
Yannick Nézet-Séguin

Francis Poulenc: Stabat Mater

Yannick Nézet-Séguin, Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks

Zum Konzert
John Eliot Gardiner

Monteverdi

Sir John Eliot Gardiner, English Baroque Soloists & Monteverdi Choir

Zum Konzert
Benedikt Kristjánsson

Bach unterm Mikroskop: Johannes-Passion für Drei

Fassung für Tenor, Cembalo & Orgel, Schlagwerk und Publikums-Chor

Zum Konzert

Große Bedeutung hat der christliche Glaube auch für Sofia Gubaidulina, die bedeutendste russische Komponistin unserer Zeit, die seit Mitte der 90er Jahre in der Nähe von Hamburg lebt. Für sie ist er Fundament ihres Lebens und Schaffens: »Musik ohne Glauben hat keinen Grund zu existieren.« Daraus schöpft sie einen sehr zugänglichen Klang, der Spiritualität ebenso widerspiegelt wie die Lust an plastischer Klangmalerei. Das Musikfest bietet die Gelegenheit einer umfangreichen Werkschau in sechs Konzerten, beginnend im Eröffnungskonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Alan Gilbert und gekrönt von ihrem abendfüllenden Oratorium »Über Liebe und Hass« auf Texte des Heiligen Franz von Assisi.

Sofia Gubaidulina
Sofia Gubaidulina © Peter Fischli
Sofia Gubaidulina beim Musikfest 2020: zu den Konzerten

Musik ohne Glauben hat keinen Grund zu existieren.

Sofia Gubaidulina

Der legendäre Vogelprediger und Naturmystiker steht auch im Mittelpunkt der opulenten fünfstündigen Oper »Saint François d’Assise« von Olivier Messiaen – unter dem Dirigat von Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano zweifellos der künstlerische Höhepunkt des diesjährigen Festivals und als solcher ein würdiger Nachfolger von György Ligetis »Le Grand Macabre« beim Musikfest 2019. Messiaen ähnelte seinem Protagonisten in vielerlei Hinsicht, war von tiefem Glauben erfüllt, liebte die Natur als Abbild Gottes und durchlebte rauschhafte Visionen, die er seinen Anhängern weitervermittelte.

Olivier Messiaen, 1937
Olivier Messiaen, 1937 © Studio Harcourt

Damit bildet der französische Komponist eine geistige Brücke zu all jenen Kollegen, die in ihren Werken eine persönliche Form von Spiritualität und Transzendenz vermitteln, die nicht notwendigerweise durch eine bestimmte Religion geprägt ist. Dazu zählen etwa der Este Arvo Pärt, der auf Basis des mittelalterlichen Gregorianischen Gesangs einen hypnotischen neuen Stil entwickelte, Gustav Mahler, der in seiner Neunten Sinfonie das Ende der Spätromantik antizipierte, oder Claude Vivier, der in seiner schillernden Musik sogar seine eigene Ermordung erahnte.

Kosmos

Spotify-Playlist

Internationales Musikfest Hamburg 2020

»Wer’s glaubt, wird selig« – mit diesem bissigen, im Kern womöglich aber auch neidischen Kommentar reagieren Zyniker auf alle Arten spiritueller Heilsversprechen. Sie treten Glaubens-Idolen eher mildironisch gegenüber (wie der Jazzpianist Stefano Bollani, der das Musical »Jesus Christ Superstar« humorvoll filetiert) oder dekonstruieren sie als Götzen (wie die Bigband Flat Earth Society, die afrikanische Diktatoren als »Boggamasta« schmäht).

Vom Glauben an’s Wissen

Sie glauben stattdessen an gar nichts, oder nur an die klare, unbestechliche Wissenschaft. Goethes »Faust« ist so jemand, der angesichts der berühmten Gretchenfrage nach der Religion ausweicht und bedauert: »Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Hector Berlioz setzte dem ewigen Zweifler in seinem Opern-Oratorien-Mischling »La damnation de Faust« ein klingendes Denkmal, das die Symphoniker Hamburg zum Musikfest beisteuern. Und auch in Mahlers gigantomanischer »Sinfonie der Tausend« treibt der deutsche Nationaldoktor sein Unwesen. Ihm, Faust, hätten wahrscheinlich Musikfest-Produktionen wie die »Lichtenberg Figures« oder »Genesis« gefallen, die wissenschaftliche Experimente rund um die elektrischen Entladungen von Blitzen oder um Virtual Reality ins Konzertsetting transformieren.

Faust im Studierzimmer: Gemälde von Georg Friedrich Kersting (1829)
Faust im Studierzimmer: Gemälde von Georg Friedrich Kersting (1829) © Wikimedia Commons

Gott ist tot.

Friedrich Nietzsche

Wer auch dieser Quelle des Erkenntnisgewinns misstraut, dem bleibt nur, an sich selbst zu glauben. In der Philosophie ging Friedrich Nietzsche hier selbstbewusst voran und proklamierte: »Gott ist tot.« Richard Strauss sprang begeistert auf den Zug auf und würdigte den Denker mit seiner Tondichtung »Also sprach Zarathustra«, die viele Jahre später als Soundtrack des Menschheits-Science-Fiction-Epos »Odyssee im Weltraum« berühmt werden sollte. An sich glauben musste auch Dmitri Schostakowitsch, der von Stalins brutaler Diktatur ein ums andere Mal in die kulturpolitischen Schranken gewiesen wurde. Und auch politische Vorkämpfer wie der Kameruner Unabhängigkeitsaktivist Ruben Um Nyobé, der 1958 von französischen Kolonialtruppen erschossen wurde und dem der Singer-Songwriter Blick Bassy sein jüngstes Album widmete, glauben an die Richtigkeit ihrer Sache.

Blick Bassy
Blick Bassy © Justice Mukheli

Das ausgeprägteste Selbstbewusstsein der Musikgeschichte aber demonstrierte Ludwig van Beethoven, der sich regelmäßig mit Vermietern, Verlegern und Fürsten anlegte und angesichts seiner aufkommenden Taubheit nicht etwa Gott um Gnade anflehte, sondern die Ärmel hochkrempelte, um »dem Schicksal in den Rachen zu greifen«. Seine Musik, die im Jahr seines 250. Geburtstages in mehreren Konzerten erklingt, ist tatsächlich ganz aus sich selbst heraus logisch konstruiert und gewinnt dadurch eine atemberaubende Glaubwürdigkeit.

Glaube versetzt Berge, heißt es. Woran auch immer Sie glauben: Das Internationale Musikfest Hamburg glaubt auch in seiner fünften Ausgabe an die Musik.

Zum vollständigen Programm

Text: Clemens Matuschek, Stand: 14.11.2019

Höhepunkte des Internationalen Musikfests Hamburg 2020

Weitere Beiträge