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Mehr Schönheit! Für alle!

Seit vier Jahrzehnten eine der interessantesten Stimmen New Yorks: Laurie Anderson.

Die besseren Deutschlehrer haben es ihren Oberstufenschülern immer gepredigt: Verwechselt nie das literarische Ich eines Romans, eines Gedichts oder eines Songs mit der Person des Autors! Eine sinnvolle Grundregel, die freilich ihre Ausnahmen kennt. Schließlich gibt es auch Künstler, die ganz unverhüllt prägende Erlebnisse der eigenen Biografie zum Gegenstand ihres Œuvres machen.

Die Geschichtenerzählerin

Das Werk der Performance-Künstlerin Laurie Anderson etwa ist auch von jenen markanten Geschichten geprägt, die sie über sich selbst erzählt: wie sie zwei ihrer sieben Geschwister im Kleinkindalter versehentlich beinahe ertränkt hätte. Oder wie sie mit zwölf Jahren wegen eines jämmerlich schief gelaufenen Imponiersprungs im Freibad monatelang bewegungslos im Krankenhaus lag und fast im Rollstuhl gelandet wäre. Und auch das fundamental fremde Verhältnis zu ihrer Mutter hat sie wiederholt thematisiert.

Laurie Anderson
Laurie Anderson © Ebru Yildiz

In der Ausgabe »brücken« des Elbphilharmonie Magazins findet sich der komplette Artikel zu Laurie Anderson.

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Reflektor »Laurie Anderson«

Einige Facetten ihrer Kunst ließ Laurie Anderson im Februar 2019 mit Musikerfreunden beim »Reflektor« aufleuchten, einem Format, bei dem Performer die Elbphilharmonie nach eigenem Belieben bespielen dürfen.

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Es gehört zur Kunst der 1947 geborenen US-Amerikanerin, dass man all das, wo sie Ich sagt, unbesehen für autobiografisch verbürgt hält, für wahr, für ehrlich. Zugleich erscheint alles wirklich Private aus diesen Mitteilungen getilgt. Anderson hat die bedeutsamen Bruchstücke ihrer Biografie so lange seziert und präpariert, bis daraus ein maximal lebensähnliches Kunstwerk geworden ist: eine Geschichte. Von klein auf war sie fasziniert von Geschichten. Angefangen von biblischen Erzählungen in der Kirche hat sie, was immer als Sprache auf sie kam, abgespeichert, aufgeschrieben, abgeklopft, ausgehorcht, verdichtet, verarbeitet. Im Erzählen, im Schreiben hat sie ihre eigene Sprache gefunden – und ihre Stimme.

Ich bin neugierig auf die Welt wie ein Kind, das herausfinden will, wie sie funktioniert. Man kann als Mensch manchmal ziemlich einsam sein. Man kann sich verrennen und den Blick völlig verengen. Ich versuche, dagegen Fragen zu stellen: Warum macht man das? Was ist das? Und die Antworten, die ich finde, gelten immer nur für einen Tag. Was ich am wenigsten will, ist zu funktionieren wie ein Automat.

Laurie Anderson

Raunerin, Wahrsagerin, Verführerin

Man hat diese magnetische Bühnenkünstlerin mit den sehr blauen Augen und der strubbligen Ananasfrisur als vom Licht der eigenen Violine beschienene Musikerin vor dem geistigen Auge. Als grazile Tänzerin zu damals unerhört neuartiger Musik zwischen Punk, New Wave und Art Rock. Und als visionären Geist aus der Flasche der Achtzigerjahre, aus der mit ihr noch ganz frisch und verheißungsvoll das süße digitale Zukunftsgift entwich, das inzwischen unser aller Leben umnebelt. Zudem ist sie Malerin, Zeichnerin, Filmemacherin, Konzeptkünstlerin.

Vor allem aber ist Laurie Anderson der Text-Maniac, die Story-Zentrifuge, die sanft ironische Kassandra von Manhattan. Eine Raunerin, Wahrsagerin und Verführerin, deren hypnotischem Sprech-Singsang wir befremdet und gebannt unser Ohr leihen – wie Passagiere auf dem Vergnügungsdampfer Welt bei seiner sich scheinbar unentwegt beschleunigenden Fahrt in den Untergang.

Laurie Anderson
Laurie Anderson © Ebru Yildiz

Hi-Tech und Mitgefühl

Laurie Anderson hat in ihrer künstlerischen Arbeit sehr früh avancierte Technologien eingesetzt, sie hat neue Instrumente erfunden und die Grenzen des Machbaren stets als Einladung aufgefasst, diese hinter sich zu lassen. Als Technik-Geek war sie den männlichen Kollegen oft mehr als nur eine Nasenlänge voraus. Und sie besitzt einen eminent wachen, kritischen Geist. Doch was ihre Kunst so unverwechselbar und kostbar macht, ist vor allem die Radikalität ihres Mitgefühls.

Für ihre Performance »Habeas Corpus« etwa, die sie 2015 in der Park Avenue Armory in New York realisierte, mischte sich Anderson explizit und ungeachtet zahlloser Widerstände in eine besonders beschämende politische Angelegenheit der Vereinigten Staaten von Amerika ein. Laut Untertitel eine »Installation mit Skulptur, Audio und Live Streaming Video«, ist »Habeas Corpus« der grandios aufwendige, dabei glaubwürdig-demütige Versuch, einen der aller Rechte beraubten exterritorialen Guantánamo-Häftlinge der USA zu rehabilitieren.

»Habeas Corpus«

Den vollständigen Artikel über Laurie Anderson finden Sie in der Ausgabe »brücken« des Elbphilharmonie Magazins.

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Autor: Tom. R. Schulz

Ich rege an, ich provoziere. Ich fordere heraus. Dabei habe ich nichts zu sagen oder zu lehren.

Laurie Anderson

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