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Look up here, I’m in heaven

David Bowie war die wandlungsfähigste Kunstfigur des Pop. Sein letztes Album »Blackstar« ist nun in einem Arrangement beim Internationalen Musikfest Hamburg zu erleben.

Schaut hinauf, ich bin im Himmel

David Bowie

Kann ein Kunstwerk klüger sein als sein Autor? »Blackstar«, das letzte Album von David Bowie, scheint ein solches Werk zu sein, zumindest in der seelischen Wahrnehmung vieler Fans. Es erschien zwei Tage vor Bowies Tod, am 8. Januar 2016, seinem 69. Geburtstag. Anderthalb Jahre zuvor war bei ihm Leberkrebs diagnostiziert worden. Bowie wusste, dass er die Krankheit nicht überleben und dieses Album sein letztes werden würde. Sein Abschied.

Antonin Kratochvil

David Bowie: Lazarus

Die erste Auskopplung aus dem Album, wurde zum größten unabsichtlichen Epitaph der Popgeschichte

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»Lazarus«, die erste Auskopplung aus dem Album, wurde zum größten unabsichtlichen Epitaph der Popgeschichte – als hätten metaphysische Kräfte David Bowie, seinem Produzenten Tony Visconti und dem Filmregisseur Johan Renck für diesen Schwanengesang seherische Eingebungen verliehen:

Am Anfang des Videos entsteigt eine schemenhafte weibliche Figur einem dunklen Kleiderschrank. Dann kommt der Sänger selbst ins Bild. Er liegt auf einem Anstaltsbett und zieht sich mit verkrampften Händen das Betttuch ans Kinn. Die Augen sind bandagiert, an ihrer Stelle sind zwei Knöpfe auf den Verband genäht. Keine Wimpern, keine Augenbrauen.

Dann tut der in Schönheit gealterte Sänger seinen Mund auf und singt:»Look up here / I’m in heaven / I’ve got scars / that can’t be seen«. Kaum gestorben, meldet David Bowie bereits seine Auferstehung: »Schaut hinauf, ich bin im Himmel, ich habe Narben, die man nicht sieht.« Jede Zeile des Songtextes, nahezu jedes Bild des Videos spricht mehr oder weniger verklausuliert vom Tod – und von seiner Überwindung.

Eine Katharsis in sieben Sätzen

Die Musik von »Lazarus« ist – wie große Teile des ganzen Albums – von einer aufwühlenden, dunklen Vitalität. Wütend, existenziell, eine Katharsis in sieben Sätzen. Ein brodelnder, von Saxofonschreien und einem unbarmherzig harten Schlagzeug getriebener Mahlstrom an Klängen disparater Ursprünge, dick aufgetragen wie vielfach übereinander geschichtete Ölfarbe. Gemildert wird dieses rohe Meisterwerk allenfalls von der späten Süße in Bowies Stimme, ihrer Melancholie und doch ungebrochenen Kraft.

In der letzten Einstellung des Videos zieht sich der Sänger rückwärts in den dunklen Schrank des Anfangsbildes zurück, und es fällt schwer, darin etwas anderes zu sehen als einenaufrecht stehenden Sarg.

Die Idee sei ein spontaner Einfall gewesen, den man allgemein witzig gefunden habe, sagte der Regisseur Johan Renck. Bowie trägt nun einen Pyjama mit schwarz-weißen Diagonalstreifen. Damit habe er auf ein Outfit zu Zeiten seines Albums»Station to Station« (1976) Bezug nehmen wollen – jener Zeit in Los Angeles, in der es dem Künstler am allerdreckigsten ging und er sich dem Tod am nächsten wähnte.

David Bowie 1947 - 2016

  • David Bowie wird am 8. Januar 1947 als David Robert Jones in Brixton, London geboren.
  • 1972 gelingt ihm der erste kommerzielle Durchbruch mit dem Album »The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars«.
  • Ende der 1970er Jahre zieht er nach Berlin, wo er nicht nur einen kalten Drogenentzug macht, sondern auch entscheidende künstlerische Jahre verbringt. Hier nimmt er unter anderem den Song »Heroes« auf.
  • David Bowie erfand sich im Laufe seiner Karriere immer wieder neue Alter Ego. Die stärkste Wirkung erzielte er mit seiner Kunstfigur »Ziggy Stardust«.
  • Seit Mitte der 1970er Jahre arbeitete Bowie auch regelmäßig als Schauspieler.
  • Am 18. November 2015 wurde Bowies Musical »Lazarus« veröffentlicht. Das Musical ist eine Adaption des Films »Der Mann, der vom Himmel fiel« von 1976.
  • »Blackstar« war titelgebend für Bowies 26. Soloalbum, das am 8. Januar 2016, seinem 69. Geburtstag, erschien. Es erreichte als erstes Bowie-Album den Spitzenplatz der amerikanischen Billboard-200-Charts.

Heroes just for one day

Am Ende seiner exzessiv ausgelebten damaligen Identität als Thin White Duke vom Kokainmissbrauch ausgezehrt und abgemagert bis auf die Knochen, zog Bowie im letzten Moment die Reißleine und floh aus der persönlichen Hölle der amerikanischen Westküste nach Europa, nach West-Berlin.

Dort gewann er langsam die Kontrolle über sein Leben zurück und nahm mit »Low«, »Heroes« und »Lodger« drei Alben auf, die manche Fans des glamourösen Bowie alias Ziggy Stardust alias Aladdin Sane schwer verdaulich fanden. Andere priesen sie als wegweisend.

David Bowie war die womöglich wirkungsmächtigste, fraglos aber wandlungsfähigste Kunstfigur des Pop – und »Blackstar« war sein schrecklich-schönes konsequentes Ende.

David Bowie

Das Messer des James Bowie

Schon früh hatte sich der 1947 geborene David Jones einen Künstlernamen gewählt, dessen ganze Symbolkraft ihm damals noch kaum bewusst gewesen sein dürfte. In einem Gespräch mit dem Schriftsteller William S. Burroughs, dem Godfather der Beat-Generation, behauptete Bowie 1974, dass er bereits als 16-Jähriger nach etwas gesucht habe, mit dem sich »durch all die Lügen schneiden« ließe.

Er fand es im sogenannten Bowie-Messer, seit dem frühen 19. Jahrhundert überwiegend in England gefertigt und angeblich erfunden von einem James Bowie.Benutzt wurde es bevorzugt von amerikanischen Cowboys und Freiheitssuchern, deren zeitgenössische Nachfahren der junge David Jones verehrte und deren Musik er aufsog wie alle jungen Nachkriegseuropäer.

Mit diesem zum Namen gewordenen Messer schnitzte sich der Künstler akribisch Identität um Identität. Und mit demselben Messer schnitt er sie sich leichten Herzens wieder vom Leib, wenn er ihre Zeit gekommen fand. Kill your Darlings? Das war David Bowies leichteste Übung.

  • Bowie-Messer sind Arbeits- und Kampfmesser.
  • Sie sind Teil der Legenden des Wilden Westens, wurden von Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg und später auch von Cowboys getragen.
  • Benannt sind die Messer nach James Bowie, der als einer der Helden des Wilden Westens gilt.
  • Angeblich befürchtete David Bowie in den 1960er Jahren, dass sein richtiger Name David Jones dem von Davy Jones von der damals berühmten Band »The Monkees« zu ähnlich wäre, und hat sich deshalb umbenannt.

Die schönste Frau der Siebziger Jahre

Die stärkste Faszination übte das schillernd Androgyne bei ihm aus: David Bowie war die schönste Frau der frühen Siebzigerjahre, weshalb man ihn mit einigem Recht einen Vorkämpfer der Gender Fluidity nennen könnte.

Als die Schweizer Kulturzeitschrift »Du« ihre komplette Novemberausgabe 2003 David Bowie widmete, kam das Heft mit 22 unterschiedlichen Covern auf den Markt, weil es den Machern »unmöglich war, den Popstar mit nur einem exemplarischen Foto zu zeigen«, wie sie erklärten. Auf einer Doppelseite sind die 22 David Bowies en miniature vereint, in allen nur denkbaren Frisuren und Haarfarben, Styles und Kostümierungen. Man hätte die Bilder gern als Orakelkarten: Von welchem Bowie soll ich mich heute inspirieren lassen, und wozu?

David Bowie

Verwandlungsdienst an der Menschheit

In Zeiten, in denen jede kleine Kurskorrektur im Lebenslauf eines Individuums durch die Behauptung, er oder sie habe sich neu erfunden, zum Schöpfungsakt erklärt wird, erscheint die Neuerfindunglust – oder vielleicht auch der Neuerfindungszwang – David Bowies womöglich pathologisch. Das Wundersame ist, dass Bowie zumindest am Anfang eigentlich nur der Langeweile, dem Überdruss, der Gleichförmigkeit entfliehen wollte.

Er hat dieses Leiden am Gewöhnlichen in Kunst mithilfe der Musik, die in seinen Songs ebenso vielgestaltige Formen annahm wie seine physischen Identitäten, und die mit zuverlässiger Unberechenbarkeit zwischen Glamrock und Blues, Jazz und Rock’n’Roll, Pop und experimentellem Underground oszilliert.

Seinen Verwandlungsdienst an der Menschheit setzt er seit dem 10. Januar 2016 vom Jenseits aus fort. »Look up here, I’m in heaven.« Wer das für Hybris hält, hat diese letzte Botschaft nicht verstanden. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Wir sehen uns.

Autor: Tom R. Schulz

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