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Kaukasische Erleuchtungen

Notizen zum Kaukasus-Festival in der Elbphilharmonie über Ostern 2018

Rund ums Osterfest, eine Woche lang, stand die Elbphilharmonie ganz im Bann einer Musik, die in unseren Breiten bislang wohl nur den Eingeweihten unter den Eingeweihten bekannt war. Und man darf die Behauptung wagen, dass es, um das ganze Spektrum dessen zu umfassen, was in den 14 Veranstaltungen hier geboten wurde, wahrscheinlich gleich mehrerer Eingeweihter bedürfte. Denn wer kennt sich schon aus in der Musik Georgiens und Armeniens und Tschetscheniens und Aserbaidschans?

Heterogene, faszinierende Welt

Was sich geografisch unter dem Begriff Kaukasus zusammenfassen lässt, offenbarte sich bei näherem Hinsehen und Hinhören schnell als überaus heterogene Welt voller faszinierender Eigenheiten. Die beiden vorzüglichen Orchester, die das Wort Georgien in ihrem Titel tragen, traten zwar mit herkömmlichem westlichen Instrumentarium auf, und im Falle des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt stand mit dem von den beiden Schwestern Khatia und Gvantsa Buniatishvili traumwandlerisch gespielten Konzert für zwei Klaviere und Orchester sogar ein Werk von Mozart auf dem Programm. Fast alle anderen Stücke aber kamen von georgischen Komponisten.

Georgisches Kammerorchester, Khatia und Gvantsa Buniatishvili
Georgisches Kammerorchester, Khatia und Gvantsa Buniatishvili © Stefan Sauer

Auch das Georgian Philharmonic Orchestra spielte im Großen Saal überwiegend Werke georgischer Gegenwartskomponisten: Zwei Uraufführungen von Nikoloz Rachveli, der das Orchester auch dirigierte, und zwei Werke des im Ausland bekanntesten georgischen Komponisten Giya Kancheli rahmten Rachmaninows 2. Klavierkonzert ein, bei dem Dudana Mazmanishvili den Solopart übernahm – eine Künstlerin, die zudem als Kulturattaché der Botschaft Georgiens in Berlin hierzulande viel dafür tut, in Deutschland die Kenntnis von georgischer Musik und Kultur zu fördern.

Auch Giya Kancheli, der Meister aus Tiflis, war persönlich anwesend und hatte bereits am späten Nachmittag im Kleinen Saal in einem bewegenden Konzert mit dem Ensemble Resonanz und der Saxofonistin Asya Fateyeva die Ovationen des spürbar bewegten Publikums entgegengenommen.

Säbelrasseln und Behutsamkeit

Das Armenian State Symphony Orchestra, das das Kaukasus-Festival am vergangenen Mittwoch eröffnet hatte, spielte zum Dank für den frenetischen Jubel am Ende des Konzerts mit dem »Säbeltanz« des armenischen Komponisten Aram Chatchaturian das einzige weltbekannte klassische Musikstück aus dem Kaukasus. Was aus Giya Kanchelis umfänglichem Oeuvre auf dem Kaukasus-Festival zu erleben war, meidet dagegen alles Säbelrasseln; seine Musik bewegt sich oft in einem Klangraum äußerster Behutsamkeit und Zartheit.

Das Armenian State Symphony Orchestra, Solist: Narek Hakhnazaryan
Das Armenian State Symphony Orchestra, Solist: Narek Hakhnazaryan © Daniel Dittus

Jahrhundertealte Lieder

Mit Säbeln im Gürtel und ehrfurchtgebietenden Batterien von (Attrappen von) Gewehrpatronen über der Brust trat der zehnköpfige Antchischati Chor aus Georgien auf. Doch gar so kriegerisch klang keines der nahezu 30 teilweise viele Jahrhunderte alten Lieder, die die Männer fast ausschließlich a cappella vortrugen. Angesichts der vollkommen eigenständigen, für ungeübte Westler stets unvorhersehbaren Harmonik und Stimmführung ihres Gesangs kamen selbst gestandene Hamburger Sänger im Publikum aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vertraut schien einzig das Ende all dieser vielstimmigen Lieder: Sie landeten stets im Einklang.

Eine verwandte, dabei eigenständige und überaus intensive Farbe brachten die vier Künstlerinnen des Aznash Ensembles aus Georgien mit ihren tschetschenischen Gesängen und Tänzen auf die Bühne des Kleinen Saals.

Armenische Mystik

Ein Wiedersehen gab es am Gründonnerstag mit Hewar, dem Ensemble um den syrischen Klarinettisten Kinan Azmeh und die syrische Sopranistin Dima Orsho, die beide vor einem Jahr in der Eröffnungssaison der Elbphilharmonie beim Festival »Salam Syria« das Publikum begeistert hatten. Diesmal traten Hewar mit dem Gurdjieff Ensemble aus Armenien auf, einem aus zehn Musikern bestehenden Instrumentalensemble. Es gab auch Musik von Georges Gurdjieff, dem großen Mystiker, auf den sich die Sufis ebenso beziehen wie konfessionell ungebundene Christen, und von Komitas Vardapet, dem fast mythisch verehrten Fackelträger einer genuin armenischen Musik.

Hewar und Gurdjieff Ensemble
Hewar und Gurdjieff Ensemble © Maik Reichert

»Tun Ari« – »Komm heim«

Speziell für diese Begegnung in Hamburg, im Auftrag der Elbphilharmonie (sowie des Morgenland Festivals Osnabrück und des Holland Festivals Amsterdam), hatte auch der bedeutende armenische Komponist Tigran Mansurian eine neue Komposition geschrieben, »Tun Ari«, zu Deutsch »Komm heim«. Die Armenier haben nicht vergessen, dass viele von ihnen, die dem Völkermord durch die Türkei im Jahr 1915 entrinnen konnten, damals in Syrien Aufnahme fanden. Umgekehrt bieten heute Armenier flüchtenden Syrern Zuflucht.

Medizin gegen den Schmerz

Armenien war das erste Land in der Welt, das das Christentum als Staatsreligion annahm. Doch in der Musik des nach dem Mystiker Georges Gurdjieff benannten Ensembles klingt auch Orientalisches durch – die Oud, das Kanun, eine Art Hackbrett, und natürlich die Duduk, die mit ihrem warmen, näselnden Klang fast so etwas wie das Nationalinstrument Armeniens ist. So vollendet gespielt, wie dies bei allen im Kaukasus Festival auftretenden Ensembles der Fall war, verbreitet die Duduk Trauer im Übermaß und reichlich Trost. Sie ist der Schmerz und die Medizin gegen den Schmerz.

Duduk
Duduk © Maik Reichert

Jazz trifft Tradition

Der Armenier Tigran Hamasyan, international der erfolgreichste Jazzmusiker des Kaukasus, ein brillant virtuoser Pianist, präsentierte in seinem Konzert am Karfreitag Solistisches, Duette mit dem Duduk-Spieler Noyayr Katashian und nach der Pause das Programm »Luys I Luso«. Zu den teilweise aus dem 5. nachchristlichen Jahrhundert stammenden armenischen Sakralgesängen, die der festlich gewandete Yerevan State Chamber Choir vortrug, improvisierte Tigran Hamasyan im Großen Saal mit still-ekstatischer Intensität auf dem Flügel.

Tigran Hamasyan und der Yerevan State Chamber Choir

Klagend, herb, wild

Mehrstimmige Bearbeitungen uralter, ursprünglich einstimmiger liturgischer Gesänge aus Armenien gehen auch auf den schon genannten Komitas Vardapet zurück, der in erster Linie Mönch war. Auch diese Musik ist in ihrer eigentümlichen Melodik einzigartig; sie ist alles zwischen klagend, herb und wild, wie zum Finale des Festivals am Dienstag sehr eindrucksvoll der aus sieben Frauen bestehende Chor des Geghard Klosters bewies. Im zweiten Teil sangen die Frauen mit den starken Stimmen weltliche Lieder etwas jüngeren Datums. Auch im weniger frommen Fach zeigten sie faszinierende Facetten kunstvoll arrangierter armenischer Volksmusik. Entsprechend stürmisch geriet der Applaus im Kleinen Saal.

Geghard Choir
Geghard Choir © Claudia Höhne

Im Mittelpunkt des Konzerts vom Berliner Kuss Quartett stand das melancholische Erste Streichquartett von Tigran Mansurjan, das der Armenier Anfang der 1980er Jahre komponiert und einem verstorbenen Musikerfreund gewidmet hatte. Mit dem Cellisten Mikayel Hakhnazaryan hat das Ensemble sogar ein armenischer Musiker in den eigenen Reihen. Außerdem erklangen traditionelle armenische und georgische Stücke sowie Improvisationen – eingeladen hatten die Musiker dazu den Duduk-Spieler Emmanuel Hovhannisyan und die Sopranistin Karine Babajanyan.

Kuss Quartet

Muğam aus Aserbaidschan

Was Alim Qasimov und seine Tochter Fargana Qasimova am Ostersonntag im Großen Saal sangen, wies am weitesten in die arabische und überhaupt die außereuropäische Musik hinaus. Die Meister aus Aserbaidschan ließen mit ihren langen, hingebungsvollen, sich in Wellen steigernden Anrufungen voller Melismen und ausgreifender Gesten zu recht spartanischer Instrumentalbegleitung immer wieder auch an pakistanischen Qawwali denken, gar an indische Ragas.

Georgisches Festmahl fürs Publikum

Zur musikalischen Bewusstseinserweiterung gesellte sich mit drei Aufführungen der speziell für das Kaukasus-Festival entstandenen Produktion »Supra« Erhellendes über Land und Leute Georgiens. Basierend auf einem Text der in Hamburg lebenden georgischen Autorin Nino Haratischwili und auch von ihr als georgisches Festmahl an einer langen, U-förmigen Tafel mit Käsebrot und Wein fürs Publikum inszeniert, entwarfen die drei Schauspielerinnen Nina Sarita Balthasar, Solveig Krebs und Anja Topf in geschickt miteinander verwobenen Szenen Psychogramme georgischer (Frauen-)Identitäten – sowohl solcher, die in Georgien leben als auch von Auswanderinnen, die sich mit dem so ganz anderen Leben in Mitteleuropa zu arrangieren versuchen (erfolglos).

Supra – ein Fest
Supra – ein Fest © Daniel Dittus

Dazwischen sang und spielte ein kleines Ensemble georgischer Frauen bezaubernd fremdartige Chansons. Wenn das Kaukasus-Festival einen Wunsch offen ließ, dann den, dass man, solcherart animiert, auf ähnlich spielerische, berührende Weise gern mehr auch über die Lebensumstände und das Lebensgefühl im heutigen Armenien und Aserbaidschan erfahren hätte. Aber so eine begnadete literarische Chronistin wie Nino Haratischwili gibt es wohl nur in Georgien.

Text: Tom R. Schulz

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