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Karlheinz Stockhausen – »Gruppen«

109 Musiker, drei Podien, ein gigantischer Klangraum: Abschluss des Stockhausen-Schwerpunktes beim Internationalen Musikfest.

3. Internationales Musikfest Hamburg

Am 28. Mai ist Stockhausens »Gruppen« beim 3. Internationalen Musikfest Hamburg im Mehr!Theater am Großmarkt mit dem Radio-Symphonieorchester Wien zu erleben. Tickets gibt’s hier!

Karlheinz Stockhausen prägte die Neue Musik nach 1945 wie kein anderer Komponist. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu einer jungen Generation von Komponisten, die auch für die Musik eine radikale Kehrtwende forderten.

Unsere heutige Musikkultur ist greisenhaft alt, sie hat kaum noch Mut zur Gegenwart.

Karlheinz Stockhausen

»Gruppen«

Als »der wohl kompromissloseste Sucher und Finder neuer Klangwelten nach 1945« (Helmut Rohm) komponierte der junge Stockhausen zwischen 1955 und 1957 ein visionäres Werk für 109 Musiker: Gruppen. Der Name ist simpel, und ebenso leicht scheint er sich zu erklären: Der Komponist teilt ein großes Orchester in drei kleinere Gruppen auf, die hufeisenförmig um das Publikum herum angeordnet sind, jede mit einem eigenem Dirigenten. So weit, so gut, könnte man meinen.

Karlheinz Stockhausen, Gruppen - Ensemble intercontemporain

Doch ganz so einfach ist es ist nicht. Reine Effekthascherei war nicht Stockhausens Sache. Und so verweist der Titel »Gruppen« nicht auf die augenscheinliche Aufteilung des Orchesters, sondern in erster Linie auf ein ausgeklügeltes Prinzip, auf dem das Werk basiert.

»Gruppen« und der Serialismus

Denn den »Gruppen« gingen lange Überlegungen voraus, die Stockhausen Anfang der 50er Jahre beschäftigten. Die wohl radikalste und umstrittenste unter den Strömungen infolge des Zweiten Weltkriegs war der Serialismus. Seine Vertreter wollten eine möglichst objektive, von Hierarchien und totalitären Strukturen befreite Musik erschaffen. Ein kühnes Vorhaben, denn es bedeutete die radikale Absage an jahrhundertealte musikalische Konventionen – so auch an das System von Akkorden und Harmonien. Seine Wurzeln hat der Serialismus in Arnold Schönbergs Zwölftonmusik, die schon zu Beginn des Jahrhunderts eine Gleichberechtigung aller Töne forderte.

Im Serialismus herrscht totale – aber keine totalitäre – Ordnung in der Musik.

Hans Peter Reutter

Die Serialisten versuchten nun dieser Idee der Gleichberechtigung Rechnung zu tragen, indem sie musikalische Größen wie Tonhöhe und -dauer, Lautstärke und Klangfarbe streng nach mathematisch-logischen Prinzipien in Reihen organisierten. Jeder Ton und jede seiner Eigenschaften sollten dabei gleichberechtigt vorkommen.

Stockhausen, Serialist der ersten Stunde
Stockhausen, Serialist der ersten Stunde © Suomen musiikin historia 4 (WSOY, Helsinki 1995)

Wenn Dostojewski gesagt hat, die ganze Literatur komme aus dem »Mantel« von Gogol, dann kommt die ganze Musik des 20. Jahrhunderts nach 1950 aus den »Gruppen« von Stockhausen.

György Kurtág

Von der seriellen Musik begeistert, störte sich Stockhausen jedoch daran, dass nur die Klangeigenschaften der einzelnen Töne (für sich) bestimmt wurden – was zur Folge hatte, dass manche Werke völlig zusammenhanglos klingen, wie große Flickenteppiche.

Mit Gruppen versuchte er diesen Zustand zu überwinden, nämlich größere musikalische Einheiten zu bilden. So kennzeichnete er einzelne Töne – waren sie auch sonst vollkommen verschieden – durch jeweils eine gemeinsame Eigenschaft als zusammengehörig.

Mit ›Gruppe‹ ist eine bestimmte Anzahl von Tönen gemeint, die durch verwandte Proportionen zu einer übergeordneten Erlebnisqualität verbunden sind, der Gruppe nämlich.

Eine ungeheure Herausforderung

Klänge wandern also buchstäblich von Gruppe zu Gruppe im Raum umher – und sind fürs Ohr damit insgesamt länger »in Umlauf«. So erklärt sich auch die Aufteilung des Orchesters in drei unabhängige und ringsum verteilte Gruppen: Nur so lässt sich eine räumliche Wirkung erzielen. Sinnvoll ist das ohnehin, denn jede Formation spielt nach ihrem eigenen, sich beständig verändernden Zeitmaß und wechselt außerdem fortlaufend ihre Tonumfänge, Lautstärken und Klangfarben. Eine gewaltige Herausforderung für die drei Dirigenten!

Auf dieser Basis ist es nun möglich, dass sich die Orchestergruppen durch ähnliche Klangkonstellationen zu einem einzigen großen Klangraum verbinden (hier zum Beispiel). So wechseln sich Teile mit penibel festgelegten Geschwindigkeiten in den Einzelorchestern mit groß angelegten Beschleunigungs- oder Verlangsamungsmanövern ab, bei denen alle mitmachen.

Praktiker, Forscher, Visionär und Poet: Stockhausen
Praktiker, Forscher, Visionär und Poet: Stockhausen © Municipal Archives of Trondheim (1967)

Klänge »wie vom Fieber geschüttelt«

Ein abenteuerliches Konstrukt – aber, Hand aufs Herz: Wie klingts?
»Wie vom Fieber geschüttelt«, befand nach einer Aufführung ein Autor der Zeit. Und auch sonst ist das Ausdrucksspektrum in Gruppen enorm vielfältig: Von schimmernden Klangflächen bis zum Blech-Percussion-Gewitter spürt man hier den geballten Erfindergeist des Komponisten, dessen Anspruch es zeitlebens war, sich nie zu wiederholen.

Ein monumentales Kunstwerk

Zu erleben gibt es dieses Spektakel äußerst selten – denn mit seinen räumlichen Dimensionen sprengt es sogar die Möglichkeiten der Elbphilharmonie. Aufgeführt wurden die Gruppen deshalb schon in Sporthallen und Flughafenhangars, nun erklingen die etwa halbstündigen »Gruppen« in der großen Halle des Mehr! Theaters am Großmarkt – und zwar gleich zweimal hintereinander, mit der Möglichkeit, in der Pause den Platz zu wechseln.

Wem das jetzt zu abstrakt wird: Keine Sorge. Stockhausen selbst fand ohnehin, dass man seine Musik nicht verstehen müsse, um sie zu hören. Und der Journalist Mirko Weber hält »Gruppen« sogar für eine »Eintrittskarte zur Neuen Musik«. Wer sich noch an das Erlebnis wagen will, hier gibt’s Tickets für den 28. Mai im Mehr! Theater am Großmarkt.

Übrigens: Stockhausen war der Meinung, die Gesetze seiner Musik müsse man beim Hören nicht  verstehen.

Wer sieht die Atome? Und doch weiß jeder, dass von ihrer Struktur alle materielle Erscheinung abhängt.

Karlheinz Stockhausen

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