Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Jazz in Polen: einzeln, frei und brüderlich

Selbstverwirklichung im Kollektiv: Diese Qualität hat der polnische Jazz perfektioniert.

Schwerpunkt »Polen« in der Elbphilharmonie

Vom 10. September bis 25. November 2018

Zu den Konzerten

Wahrscheinlich hat Michał Hajduk recht, und­ die Erklärung ist ganz einfach. Fragt man ­ihn, den jungen Funktionär des Adam­ Mickiewicz Instituts, einer staatlich geförderten Kulturinstitution aus Warschau, weshalb sich gerade der Jazz in seinem Heimatland Polen­ in dieser­ politisch trüben Zeit so ungestört­ entwickeln kann, dann sagt er: »Weil diese Musik ohne Worte auskommt.« Das klingt, als habe eine Kunst, die sich jenseits der Sprache artikuliert, keine Zähne und könne niemandem gefährlich werden.

Tatsächlich sehen sich Bühnenkünstler, die sich ­vorrangig der Sprache bedienen, in Polen inzwischen wieder einer scharfen Beobachtung und mehr oder weniger offener Kontrolle durch die Regierung ausgesetzt. Doch ausgerechnet mit dem Jazz – einer Musik, die ihrem Wesen nach die Freiheit des Ausdrucks mehr feiert als jede andere – macht der Staat gerade ziemlich erfolgreich auswärtige Kulturpolitik. Man feiert das Jubiläum der vor 100 ­Jahren erworbenen Unabhängigkeit Polens, und die blühenden Landschaften des Jazz sollen offenbar den Eindruck erwecken, es floriere nicht nur die Kunst der musikalischen Improvisation, sondern die Kultur und das Leben dort überhaupt.

Der vollständige Artikel befindet sich im aktuellen Elbphilharmonie Magazin.

Mehr als jede andere Musik feiert der Jazz die Freiheit des Ausdrucks

Joanna Duda

Joana Duda

Joanna Duda Trio (jazzahead! 2018)

MEHR ALS NUR EIN NISCHENPHÄNOMEN

So war Polen im April­ 2018 Gastland der Jazzahead in Bremen, dem weltweit größten Branchentreff, und führte der internationalen Fachwelt vor, in welcher Fülle, stilistischen Vielfalt und künstlerischen Klasse beim deutschen Nachbarn im Osten heute Jazz gespielt und gepflegt wird. Handwerklich brillant, intensiv im Zusammenspiel, bisweilen geradezu bekenntnishaft die eigene Musikgeschichte zwischen Folklore und Chopin beschwörend, dann wieder bemüht unlokalisierbar und weltläufig: ­So legten an drei Tagen knapp 20 ­Bands Zeugnis vom Stand der Improvisationskunst in Polen ab.

Dass der Jazz in Polen derart aus dem Vollen schöpfen kann, verdankt sich auch seiner langen Tradition und Akzeptanz. In diesem Land war das Genre schon zwischen den Weltkriegen weit mehr als nur ein Nischenphänomen, und so manche Oldtime-Kapelle hat heute immer noch ihr Auskommen. Aber echte Verehrung bringen die Polen eher den Repräsentanten jener Spielart entgegen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkam. Zwei früh verstorbene Musiker genießen dabei eine besondere, generationenübergreifende Wertschätzung: der Geiger Zbigniew Seifert (1946–1979) und der Pianist Krysztof Komeda (1931–1969).

Zbigniew Seifert: Spring On The Farm

Zbiggy Seifert

100. Jahrestag der Unabhängigkeit

Polen 1918-2018 im Überblick

Zum Artikel

»ZBIGGY« SEIFERT

»Zbiggy« Seifert, dessen einmalig schönes und virtuoses, an John Coltrane geschultes Geigenspiel stilprägend nicht nur in Polen war, verbrachte seine letzten sechs Lebensjahre im Westen und war einer der schöpferischsten Musiker des oft zu Unrecht verschrienen Genres Jazzrock oder Fusion Jazz. In Adam Bałdych (geboren 1986) hat er postum einen würdigen Nachfolger gefunden. Bałdych ist technisch phänomenal versiert, denkt und phrasiert in langen, schlüssigen Bögen und hat auf seinem Instrument ein gitarristisches Vibrato perfektioniert, das seinem Ton größtmögliche Individualität und seinem Spiel eine staunenswerte Flüssigkeit verleiht.

Krzysztof Komeda: »Das Gesetz und die Faust« (Klavier: Leszek Możdżer)

Krzysztof Komeda

KRYSZTOF KOMEDA

Krzysztof Komeda wiederum kommt in der Verehrung der Polen eigentlich gleich nach Frédéric, pardon: Fryderyk Chopin. Er war kein Virtuose am Klavier, dafür ein Poet, Abstraktionskünstler und Auf-den-Punkt-Bringer, wie es an diesem zur Weitschweifigkeit verlockenden Instrument im Jazz nur ganz wenige gibt. Als Komponist der Soundtracks für einige der besten Filme von Roman Polanski – »Das Messer im Wasser«, »Rosemaries Baby«, »Tanz der Vampire« – erlangte er in den 1960er Jahren Weltruhm.

Gleichzeitig leitete er ein Quintett. Das Album »Astigmatic«, aufgenommen 1966 mit dem Bassisten Günter Lenz, dem kürzlich verstorbenen Ausnahmetrompeter Tomasz Stańko, dem Saxofonisten Zbigniew Namysłowski und dem Schweden Rune Carlsson am Schlagzeug, besteht nur aus drei Stücken, gilt aber mit seinen rasch nach Freiheit drängenden Improvisationen als Schlüsselwerk des polnischen Jazz. Wenn man so will, ist das Komeda Quintet die Blaupause für den polnischen Jazz bis heute geblieben: durch seine magnetische Qualität des Zusammenspiels starker Persönlichkeiten, die gemeinsam in die maximal mögliche Individuation drängen, ohne einander aus den Augen oder gar den Ohren zu verlieren.

High Definition Quartet (jazzahead! 2018)

High Definition Quartet

EINZELN, FREI UND BRÜDERLICH

Um es mit einem Wort des türkischen Dichters Nâzım Hikmet zu sagen: Wie ein Baum zu sein, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald (wahrlich keine leichte Übung) – das haben die Polen in einem Maße perfektioniert, das im europäischen Jazz ziemlich einzigartig ist, sei es in dem schwindelerregend dicht interagierenden Quartett des jungen Altsaxofonisten Maciej Obara oder dem traumsicher in abstraktesten Gefilden musizierenden High Definition Quartet des Pianisten Piotr Orzechowski; sei es im Trio der Pianistin Joana Duda, die schön eigensinnig zwischen Elektronik und Free Jazz oszilliert, oder im vergleichsweise süffigen Projekt, das den Meisterpianisten Leszek Możdżer mit der bekanntesten polnischen Jazz-Sängerin Anna Maria Jopek verbindet.

Wie ein Baum zu sein, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald – das haben die Polen perfektioniert.

GROßE FESTIVALTRADITION

Neben diesen großen Namen möchte Michał Hajduk vom Adam Mickiewicz Institut aber auch den ­jungen Mittelbau für den internationalen Markt vorbereiten. An Auftrittsmöglichkeiten ­für Jazzmusiker in Polen mangelt es jedenfalls nicht. Es gibt eine lebendige Clubszene und mittlerweile rund 100 Jazzfestivals, darunter auch ­viele kleine, regionale. Daneben bestehen fast schon historisch zu nennende Veranstaltungen fort wie das Jazz ­Jamboree in Warschau, Jazz On The Odra in Wrocław, das Summer Jazz Festival Kraków oder das Sopot Jazz Festival.

Die 1957 ­ausgerichtete Ausgabe des Jazzfestivals in Sopot, dem nördlich von Danzig an der Ostsee gelegenen Badeort, gilt als Geburtsstunde des modernen Jazz im eigenen Land. Mit offenen Ohren nahmen die jungen Musiker des Landes die neuen Klänge auf und begannen in Łódź, Krakau, Wrocław und natürlich auch in­ Warschau ihre eigene Sprache im Jazz auszuprägen. Das war nicht leicht, denn an Schallplatten aus dem Ausland kam man kaum ran, und aus den Konservatorien hielten (und halten bis heute) die Verantwortlichen den Jazz mit heiligem Furor fern. Trotzdem ­–­ oder gerade deswegen ­–­ bildete sich ab den 1960ern ein ­Idiom heraus, dessen unzähmbare Liebe zur Freiheit und Individualität noch in der Musik exzellenter Fusion-Gruppen wie Laboratorium, Extra Ball, Sunship lebendig blieb.

Wolf Kerschek: My Polish Heart (Klavier: Vladyslav Sendecki)

Wolf Kerschek: My Polish Heart

DAS POLNISCHE HERZ

Vladyslav Sendecki, Pianist und Keyboarder von Extra Ball und Sunship, verließ Polen 1981 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, weil er fürchtete, als Dissident und Solidarnosc-Unterstützer vom kommunistischen Regime ins Gefängnis gesteckt zu werden. Nach Stationen in der Schweiz und den USA folgte er 1996 dem Ruf der NDR Bigband nach Hamburg, wo er seitdem lebt und arbeitet. 2009 gastierte Sendecki mit der NDR Bigband und ­prominenten Gastmusikern erstmals in Krakau, wo er­ als elfjähriger hochbegabter Klavierschüler allein bei einer Großtante wohnte, studierte und jahrelang mit wahnsinnig wenig Geld über die Runden kommen musste. Das Konzert mit den Kollegen aus Hamburg war so etwas wie die Heimkehr des verlorenen Sohnes.

Vladyslav Sendecki
Vladyslav Sendecki

Einige Jahre später schrieb ihm der befreundete Hamburger Jazzmusiker und Komponist Wolf Kerschek ein Konzert für Klavier und Keyboards, Bigband und Orchester, dem er den Titel ­»My Polish Heart« gab. Was das sei, dieses polnische Herz,­ weiß Vladyslav Sendecki selbst kaum zu sagen. Lieber antwortet er mit einer rhetorischen Frage: »Warum holen so viele Leute in Deutschland polnische Pflegekräfte?« So, wie er guckt, wohl nicht deshalb, weil die ­vielleicht ein paar Euro günstiger zu haben sind. Vom Flügel seines Apartments mit Alsterblick nimmt ­Vladyslav Sendecki eine schön illustrierte Urkunde in verschnörkelt geschriebenem Polnisch. 2017 ­hat er sie bekommen. Sie bezeugt seine Ehrenbürgerschaft in Gorlice, der kleinen Stadt, in der er 1955 ­geboren wurde. Wie der Geehrte mit den langen blonden Haaren die Urkunde in seinen Händen hält, ahnt man, dass sie seinem polnischen Herzen mehr bedeutet als alle Schallplattenpreise der Welt.

Autor: Tom R. Schulz

Weitere Artikel