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Immer schön in Schwingung bleiben

Der Komponist Karlheinz Stockhausen im Porträt

Stockhausen beim 3. Internationalen Musikfest Hamburg

Zu den Konzerten

Das amerikanische Kronos Quartet hat in seiner langen Geschichte schon viele außergewöhnliche Werke aufgeführt. Nur einmal musste es passen – 1995, bei einem Werk von einem der kompromisslosesten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Karlheinz Stockhausen. Bei dessen »Helikopter-Quartett« musizieren vier Musiker aufgeteilt in vier Hubschaubern in luftiger Höhe, Ton und Video werden von dort live in den Konzertsaal übertragen. Das war ihnen dann doch zu heikel, sie sagten Stockhausen ab. Das Stück wurde schließlich vom englischen Arditti Quartett uraufgeführt. Stockhausen war als Klang-Fluglotse dabei und sah einen lang gehegten Traum in Erfüllung gehen. Denn, so Stockhausen: »Die Musik soll fliegen, weil ich fliege«.

Karlheinz Stockhausen in der Laeiszhalle
Karlheinz Stockhausen in der Laeiszhalle © Sören Stache

Unerschöpfliche Fantasie

Die völlig entgrenzte, von irdischen Koordinaten und Konventionen befreite Musik – an dieser Vision arbeitete Karlheinz Stockhausen sein Leben lang. Der 1928 in Kerpen bei Köln geborene Komponist begann seine künstlerische Karriere als Dichter, studierte dann in Köln Klavier, Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Der Stadt am Rhein blieb er stets verbunden, insbesondere das Kölner Studio für elektronische Musik des WDR machte er zu einem internationalen Hotspot für alle Tonband-, Mehrspur- und Neue-Musik-Afficionados.

Auf seine schier unerschöpfliche Fantasie konnte Stockhausen sich bis zu seinem letzten Atemzug am 5. Dezember 2007 stets verlassen. So ist im Laufe von fast 60 Jahren ein genau 362 Stücke umfassender Werkkatalog entstanden, der die Musik revolutioniert und die Hörgewohnheiten aus den Angeln gehoben hat.

Die Musik soll fliegen, weil ich fliege.

Karlheinz Stockhausen

Neue Musik erzeugt neue Gefühle. Sie lässt uns völlig andere, ungewohnte Erfahrungen machen, die wir davor nicht hatten. Deshalb ist sie so wichtig. Sie erweitert uns.

Karlheinz Stockhausen

Wegbereiter für neue Techniken

Elektronische Musik

Sein 1956 in Köln uraufgeführtes Skandalstück »Gesang der Jünglinge« gilt quasi als Geburtsurkunde der elektronischen Musik. Als erster hatte Stockhausen es gewagt, Aufnahmen der menschlichen Stimme mit elektronischen Klängen zu verbinden – eine Aufhebung von Grenzen, die vielen als Provokation galt. Die Musik wurde zudem nicht live auf der Bühne gespielt, sondern kam aus im Raum verteilten Boxen. Das Publikum reagierte auf all diese Neuerungen gespalten: Bei der Uraufführung hielten sich Jubel und Buhrufe die Waage.

Surround-Sound

1958 entwickelte Stockhausen die Technik des im Raum verteilten Klangs weiter, mit einem Werk, bei dem gleich drei Orchester sich um das Publikum herum platzieren. In »Gruppen« ließ Stockhausen bis dahin so noch nie gehörte Klangbögen durch den Konzertsaal und über die Köpfe des Publikums schwirren und rasen – was zu einer Art Vorläufer des Surround-Sounds wurde. Obwohl das Stück aufgrund seines enormen Aufwands nur selten gespielt wird, gilt es als einer der großen Klassiker des 20. Jahrhunderts.

Sampling

Mit dem elektronischen Stück »Hymnen«, für das er 40 Nationalhymnen collagierte, gab er die Steilvorlage für das später gerade im Hip-Hop so angesagte Sampling. Nationalhymnen, also Melodien, die jeder kennt, schienen ihm im für dieses Stück besonders geeignet, wie er selbst erklärt: »Integriert man bekannte Musik in eine Komposition unbekannter neuer Musik, so kann man besonders gut hören, wie sie integriert wurde: untransformiert, mehr oder weniger transformiert, transponiert, moduliert usw. Je selbstverständlicher das Was, umso aufmerksamer wird man für das Wie.«

Vorbild für Pop, Rock und Techno

So kontrovers manche von Stockhausens Stücke auch waren: Bis heute gibt es kaum einen Komponisten, der besonders von Musikern aus der Pop, Rock- und schließlich auch aus der Techno-Szene so verehrt wurde. Die Beatles verewigten ihn auf dem Cover ihrer legendären LP »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« und ließen sich auch in manchen Stücken von seinen neuen Techniken inspirieren, etwa in ihrem experimentellen Song »Revolution #9«.

Die Liste seiner Bewunderer umfasst Künstler aus sämtlichen Sparten: die Berliner New Age-Elektroniker von Tangerine Dream, das Düsseldorfer Synthie-Pop-Kollektiv Kraftwerk, die Kölner Krautrock-Urgesteine Can, Jazz-Größen wie Miles Davis und Anthony Braxton, die Pop-Sängerin Björk oder Kultbands wie The Grateful Dead und Jefferson Airplane.

Wenn unser Verstand sich extrem anstrengt und an die Grenze dessen kommt, was analysierbar und beschreibbar ist, beginnt die Mystik. Dort ist für mich als Musiker meine Heimat. Da will ich hin.

Zwischen Spott und Verehrung

Stockhausen ließ niemanden kalt: Als er mit seinem Ensemble ein halbes Jahr im japanischen Osaka gastierte und dort ein kugelförmiges Auditorium für die Weltausstellung 1970 entwarf, in dem die Zuhörer von allen Seiten beschallt wurden, lockte er über eine Million Fans an. In Deutschland konnte man über eine solche Resonanz nur den Kopf schütteln. Hier galt Stockhausen lange Zeit als Schrecken aller, die Neue Musik sofort mit »Katzenmusik« verbanden. Doch Stockhausen besaß ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, um jede Kritik und Häme in den Wind zu schlagen und unbeirrbar ständig neue Wege zu gehen.

Das ultimative Werk

In reiferen Jahren genoss er auch in seiner Heimat zunehmend Anerkennung. Sein größtes Werk wurde jedoch bis zu seinem Tod nie komplett aufgeführt: Das kosmologische Musiktheater »Licht«. Von 1977 bis 2002 widmete er sich ausschließlich diesem monumentalen Projekt. Mit religiösen, mystischen, autobiografischen und esoterischen Elementen erzählt »Licht« vom Kampf des Guten gegen das Böse. Es besteht aus sieben Teilstücken, jedes einem Wochentag gewidmet, die Aufführung aller Teile dauert 29 Stunden. Immerhin ein Teil davon – der dritte Akt aus »Donnerstag« – ist nun am 6. Mai in Hamburg zu erleben; als eines der vielen Stockhausen-Werke, die sich im Programm des 3. Internationalen Musikfests Hamburg finden.

Text: Guido Fischer

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