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Iannis Xenakis: Architekt der Klänge

Tönende Wände, klingende Räume: Bei Iannis Xenakis fließen Musik und Baukunst ineinander.

Was für ein Auftritt! Noch heute lässt sich hörend erahnen, welch aufregend verstörenden Eindruck der junge Komponist vor mehr als 60 Jahren hinterlassen haben muss, als er sich mitten im Zentrum der Nachkriegsavantgarde mit gerade einmal acht Minuten Musik schlagartig bekannt machte. Mithilfe eines 60-köpfigen Orchesters setzte er plastisch geformte Klangmassen in Bewegung, tönende Wände aus anschwellenden Clustern und sich in schwirrenden Kreisbahnen aneinander reibende Glissandi.

Schwerpunkt Iannis Xenakis

Vom 29.11 bis 1.12.2019 in der Elbphilharmonie

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Das sind keine Glasperlenspiele, sondern tönend bewegte Skulpturen von monolithischer Kraft.

Iannis Xenakis: Metastaseis

Iannis Xenakis: »Metastaseis« in der Elbphilharmonie

»Metastaseis« (Umformung, Umwandlung) heißt das Stück, mit dem der damals 32-jährige Iannis Xenakis 1955 in die ehrwürdigen Donaueschinger Musiktage platzte – und sich zugleich wieder aus dem illustren Kreis um Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez katapultierte. Denn sein Werk ignorierte alle Usancen des vorherrschenden Stils, des auf Zwölftonreihen beruhenden Serialismus. Entworfen war »Metastaseis« auf Basis einer geometrischen Konstruktion, und es brachte keine diffizil abgestuften, feinsinnig platzierten Tonpunkte zum Klingen, sondern ein vollkommenes Kontinuum – Musik nicht als Struktur, sondern als Körper im Raum gedacht. Ein schallender Widerspruch gegen die damals dogmatisch verteidigten Prinzipien der Reihentechnik.

Studie zu »Metastaseis«, 1954
Studie zu »Metastaseis«, 1954 © Iannis Xenakis Archives / Bibliothèque nationale de France Paris

Xenakis’ breite Rezeption verzögerte sich vor allem im deutschsprachigen Raum um Jahrzehnte:  Sein Denken und seine Musik standen der kontinentaleuropäischen Tradition zu fern, waren zu stark dem monumentalen Erbe der griechischen Antike und der byzantinischen Kunst verpflichtet. Bis weit in die Siebzigerjahre hinein wurden seine Werke kaum aufgeführt. In Frankreich, Xenakis’ Wahlheimat, lief es besser. Doch blieb er auch dort ein Außenseiter, ein Einzelgänger. Und es ist nicht zu übersehen, dass dafür nicht allein ästhetische, sondern auch biografische Gründe verantwortlich waren.

Iannis Xenakis in seinem Studio, Paris um 1970
Iannis Xenakis in seinem Studio, Paris um 1970 © Michèle Daniel / iannis-xenakis.org

Im Sog der Wirren

Als Sohn einer gutbürgerlichen griechischen Familie wird Iannis Xenakis 1922 im rumänischen Braila geboren. Die Mutter stirbt früh; der Vater schickt den Zehnjährigen an eine Eliteschule in die alte Heimat. Schon dort beschäftigt sich Xenakis intensiv mit der griechischen Antike, schafft die Grundlagen für eine wichtige Inspirationsquelle seiner späteren künstlerischen Arbeit. 1938 übersiedelt er nach Athen, um sich auf ein Studium der Ingenieurwissenschaften vorzubereiten.

Sein Hochschuleintritt im Oktober 1940 fällt mit dem Einmarsch von Mussolinis Truppen in Griechenland zusammen. Xenakis gerät in den Sog der Kriegs- und Bürgerkriegswirren und schließt sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe an. Es ist eine britische Granate, die Xenakis im Dezember 1944 lebensgefährlich verletzt und fürs Leben zeichnet. Im Häuserkampf explodiert das Geschoss in seiner unmittelbaren Nähe, seine Freundin stirbt an seiner Seite, ihm selbst wird das halbe Gesicht zerrissen. Der Kiefer wird später notdürftig zusammengeflickt, ein Auge ist nicht mehr zu retten, der Hörsinn bleibt auf Dauer geschädigt. Xenakis leidet unter Gleichgewichtsstörungen, kann keine hohen Frequenzen mehr wahrnehmen, muss mit einem ständigen Rauschen im Ohr leben.

Und doch schafft er es, im Sommer 1946 sein Studium zu beenden. Als ihn der Einberufungsbefehl der griechischen Junta erreicht, taucht er unter. In Abwesenheit wird er dafür zum Tode verurteilt. Mit einem gefälschten Pass gelingt ihm im Frühjahr 1948 die Flucht nach Italien und weiter nach Paris, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2001 bleiben sollte.

Es ist eine britische Granate, die Xenakis im Dezember 1944 fürs Leben zeichnet.

Ich fühlte: Ich muss etwas Bedeutendes tun, um das Recht auf Weiterleben wiederzuerlangen.

Elbphilharmonie Magazin

Dies ist ein Auszug aus dem Artikel »Architekt der Klänge« aus dem Elbphilharmonie Magazin (03/2019), das drei Mal pro Jahr erscheint. Hier die aktuelle Ausgabe bestellen

»Etwas viel Wichtigeres«

Wie in einem Bekenntnis hat sich Xenakis Jahrzehnte später über die prägenden Erlebnisse seiner Jugend geäußert:

»Viele Jahre wurde ich von Gewissensbissen gequält, weil ich das Land, für das ich kämpfte, verlassen habe. Und ich habe meine Freunde verlassen – einige waren im Gefängnis, andere tot. Einigen wenigen gelang die Flucht. Ich hatte das Gefühl, dass ich in ihrer Schuld stehe. Dass ich diese Schuld abzutragen habe. Und ich fühlte: Ich habe einen Auftrag. Ich muss etwas Bedeutendes tun, um das Recht auf Weiterleben wiederzuerlangen. Ich glaube, durch meine Verwundung bin ich so geworden, wie ich bin.

Es ist, als befände ich mich in einem Brunnenschacht. Meiner geschwächten Sinne wegen kann ich die mich umgebende Welt nicht unmittelbar erfassen. Ich glaube, aus diesem Grund hat sich mein Kopf mehr und mehr dem abstrakten Denken zugewandt. Ich habe lernen müssen, den Abstand zu den Gegenständen indirekt, durch Überlegungen einzuschätzen. Bei jedem Schritt. Und dadurch habe ich mir angewöhnt, auch in anderen Bereichen zu abstrahieren.«

Elbphiharmonie Erklärt: Iannis Xenakis »Embellie«

Elbphilharmonie Erklärt / Iannis Xenakis
»Embellie« in der Elbphilharmonie

Archaisch und rauschhaft

Xenakis’ biografisches Bekenntnis ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Musik. Weit mehr, als es die Kenntnis all jener philosophischen und mathematischen Disziplinen je sein könnte, deren Theorien und Techniken er sich, auch mithilfe selbst entwickelter Computerprogramme, bediente: Stochastik, Boole’sche Algebra, Chaostheorie, Markow-Ketten, Zufallsverteilungen nach Maxwell-Boltzmann, Gauß’sche Verteilung. Da mag man kaum glauben, dass ein kühl naturwissenschaftlich denkender Kopf hinter dieser so archaisch anmutenden, rauschhaften Musik steckt.

Iannis Xenakis
Iannis Xenakis © Adelmann Collection of Françoise Xenakis

Beim Hören fällt vor allem eines auf: wie körperlich präsent, wie greifbar diese Musik den Raum erfüllt, wie außerordentlich plastisch sie geformt ist. Das sind keine Glasperlenspiele, sondern tönend bewegte Skulpturen von monolithischer Kraft. Iannis Xenakis war ein Architekt der Klänge – und das im wahren Sinne des Wortes: Kaum in Paris angekommen, fand der junge Flüchtling eine Stellung im Atelier des Architekten Le Corbusier. Der berühmte Meister ließ den griechischen Diplomingenieur verschiedene Einsatzmöglichkeiten von Stahlbeton berechnen – eine ungeliebte Aufgabe, die es Xenakis aber ermöglichte, sich ein neben der Arbeit absolviertes Kompositionsstudium bei Olivier Messiaen zu finanzieren.

Dynamisch und elegant

Xenakis reüssierte auch im Brotberuf. Trotz zahlreicher Konflikte mit dem eitlen, persönlich schwierigen Le Corbusier konnte er zunehmend eigenständig arbeiten, wurde an prominenten Projekten beteiligt: an der Planung des Kapitols für die indische Provinzhauptstadt Chandigarh, an einem Stadion in Bagdad, am Dominikanerkloster Sainte-Marie de La Tourette bei Lyon und schließlich an einem Pavillon für den Elektronikkonzern Philips auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 – seinem wichtigsten Projekt als Architekt.

Iannis Xenakis: Philips-Pavillon für die Expo 1958
Iannis Xenakis: Philips-Pavillon für die Expo 1958 © Wouter Hagens / Wikimedia Commons

Der Hörer muss gepackt sein. Der sinnliche Schock muss ebenso eindringlich werden wie beim Anhören des Donners oder beim Blick in bodenlosen Abgrund.

Iannis Xenakis

Der sinnliche Schock

Architektonische Kategorien in der Musik, musikalische Kategorien in der Architektur – bei Xenakis fließt beides ineinander. Für die Fensterfronten des Klosters La Tourette hat er wellenförmige Glaswände entworfen (Le Corbusier nannte sie »verres musicaux«), die nicht selbst gekrümmt sind, sondern die Wellenbewegung als optischen Effekt entstehen lassen: ein genuin rhythmischer Aspekt, mit dem er auch in manchen Stücken experimentierte. Und wenn er, wie in »Persephassa«, sechs Schlagwerker nicht auf der Bühne, sondern im Auditorium, rund um die Zuhörer verteilte, dann strebte er damit einen dreidimensionalen Klang in einem musikalisch strukturierten Raum an.

Auf die Kenntnis, gar das Verständnis solcher theoretischer Hintergründe aber hat Iannis Xenakis niemals Wert gelegt. Im Gegenteil: »Der Hörer muss gepackt sein und, ob er will oder nicht, in die Flugbahnen der Klänge hineingezogen werden, ohne dass er darum eine spezielle Ausbildung bräuchte. Der sinnliche Schock muss ebenso eindringlich werden wie beim Anhören des Donners oder beim Blick in bodenlosen Abgrund.«

Text: Carsten Fastner, Stand: 11.11.2019

Titelbild: Iannis Xenakis © Ulf Andersen / Getty Images

Visualisierung auf der Media Wall im Eingangsbereich der Elbphilharmonie
Visualisierung auf der Media Wall im Eingangsbereich der Elbphilharmonie © Mehmet Alatur

Tipp: Xenakis zum Anschauen

Während des Elbphilharmonie-Schwerpunkts »Iannis Xenakis« ist auf der großen Media Wall im Eingangsbereich eine Visualisierung des Medien-Designers Mehmet Alatur zu sehen (Foto). Sie setzt Eindrücke von Iannis Xenakis Musik – konkret einen Ausschnitt aus dem Werk »Pithoprakta« – in bewegte Bilder um. Unzählige fließende Farbpunkte und -striche formen darin großflächig flimmernde und krabbelnde Muster. Wie Iannis Xenakis’ Musik sind sie inspiriert von Zufallsprinzipien – die Bernoulli-Gleichung aus der Mathematik etwa faszinierte den Komponisten. Je mehr Zufallsereignisse im Spiel sind, so besagt dieses Phänomen, desto stärker nähert sich ihr Durchschnitt einem vorhersehbaren Ereignis an. Wem das alles zu kompliziert ist, der kann auch einfach das unendlich bewegte optische Spektakel auf sich wirken lassen – und sich nach dem sichtbaren Vorgeschmack umso mehr auf die Musik von Iannis Xenakis freuen.

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