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Hudba! Tschechische Musik und ihr einzigartiger Nationalstil

Vom 17. bis zum 26. Februar geht es im Festival »Czech it out!« auf musikalische Entdeckungsreise zu einer der schönsten Klanglandschaften Europas.

Zumindest darauf kann man sich in Europa weitgehend verständigen: Muzikë, Musiikki, Mousikí, Muzika, Musek, Muziek, Muzyka, Música. Aber was ist das: Hudba? So sagen die Tschechen zur Musik, sanft ausgesprochen, mit respektvoll aufeinander treffenden Konsonanten in der Mitte: hud’ba. Außerdem sagt man dort gerne: Co Čech, to hudebník – jeder Tscheche ist ein Musiker.

Dieser Spruch mag, wie jeder gute Spruch, übertrieben sein, aber es ist schon etwas Wahres dran. Denn obwohl es nur zehn Millionen Tschechen gibt, sind die drei großen tschechischen Komponisten – Bedřich Smetana, Antonín Dvořák und Leoš Janácek auf den Konzertpodien und Opernbühnen der Welt äußerst gut vertreten – für ein relativ kleines Land ist das jedenfalls sehr beachtlich.

Prag um 1840
Prag um 1840

Historische Ausgangslage

Es gibt durchaus ein paar historische Gründe für dieses Phänomen. Seit dem hohen Mittelalter und bis 1806 war Böhmen Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Fast 400 Jahre lang aber, von 1526 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918, saßen auf dem böhmischen Thron keine tschechischen Herrscher mehr, sondern die Habsburger aus Wien. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam in Böhmen wie in vielen anderen Ländern Europas der Wunsch nach nationaler Eigenständigkeit auf.

Spätestens seit dem 10. Jahrhundert lebte dort eine stetig wachsende deutschsprachige Minderheit – Kaufleute und Akademiker in den Städten, Bauern in den Waldgebirgen –, die schließlich ein Drittel der Gesamtbevölkerung stellte. Das funktionierte die meiste Zeit problemlos und hat beide Seiten kulturell und wirtschaftlich bereichert.

Der eigene Stil

Die aufkommende Nationalisierung aber machte die Sprache zum Symbol eines Unterschieds. Tschechischsprachige und deutschsprachige Böhmen drifteten auseinander; in kurzer Zeit bildeten sich zwei Parallelgesellschaften mit jeweils eigenen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Lebenswelten: Es gab tschechische und deutsche Parteien, Vereine, Theater, Opernhäuser.

Dies war die historische Ausgangslage für den Aufschwung der tschechischen Musik im 19. Jahrhundert, der in Smetana, Dvořák und Janáček seinen Höhepunkt fand. Prag sollte wieder zu einem wichtigen Musikzentrum werden, es sollte nun endlich auch einen eigenen nationalen, einen böhmischen Stil geben.

Bedřich Smetana
Bedřich Smetana
Die Moldau

Die Playlist zum Festival

Smetana, Dvořák und Janáček eroberten von Tschechien aus die Musikgeschichte.

Tschechische Wiedergeburt

Hierfür war es in gewisser Weise von Vorteil, dass den national gesinnten Tschechen ein eigenes Beispiel mittelalterlicher Dichtung, wie sie die deutschen und französischen Kollegen damals so sehr entzückte, fehlte. Denn umso bedeutsamer war die Musik. Smetana, Dvořák und etwas später Janáček waren zur Stelle und fanden drei sehr unterschiedliche Wege, um die »tschechische Wiedergeburt« musikalisch zu befeuern.

Bedřich Smetana (1824–1884), der Älteste der drei dichtete starke Bilder, Szenen und Geschichten aus der Historie des Landes in Tönen nach, wie z.B. im symphonischen Zyklus »Má vlast« (»MeinVaterland«), in dem er auch die Moldau zum Nationalfluss Böhmens erhöht.

Anders als der programmatische Smetana blieb Antonín Dvořák(1841–1904) der absoluten Musik treu, fand in Volkstänzen die Anregung für seine hinreißende rhythmische Agilität (»Dumky-Trio«) und appellierte damit weniger an das Nationalbewusstsein der Tschechen, als dass er ihnen von ihrem Land, ihren Wäldern, Märchen und Menschen erzählte – nicht von Nation, sondern von Heimat.

Die Melodie der Sprache

Für Leoš Janáček (1854–1928) schließlich, den Jüngsten der drei, stellte sich die politische Situation schon anders dar. 1867 hatten die Ungarn dem Kaiser in Wien weitreichende nationale Zugeständnisse abgetrotzt; doch den Tschechen, die einen ähnlichen Status verlangten, kam die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie bis zu ihrem Ende 1918 kaum entgegen: Sie wollte nicht zur Tripelmonarchie werden.

Leoš Janáček um 1890
Leoš Janáček um 1890

Enttäuscht wandte sich Janáček dem Panslawismus zu, der die Gemeinsamkeiten der slawischen Völker von Böhmen bis Russland betonte, auch in ihrem Streben nach nationaler Unabhängigkeit. Er suchte in der russischen Literatur nach Themen für seine Opern (»Aus einem Totenhaus«, »Katja Kabanowa«) und ließ sich von Volksliedern und altslawischen Kirchengesängen ebenso inspirieren wie von Naturlauten. Vor allem aber studierte er die Melodie und den sehr speziellen Rhythmus des gesprochenen Tschechisch, die in Janáčeks Hudba ihren schönsten Ausdruck gefunden haben.

Text: Carsten Fastner

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