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Hamburg: Die Stadt, die dich gut machen kann

Mag ja sein, dass dieses Land von Berlin aus regiert wird. Aber die Geschichte beweist: Als Pop-Metropole liegt Hamburg weit vorn.

Ein paar Jahre lang war Hamburg die Welthauptstadt der Popmusik

Bernd Begemann

Okay, Leute, gleich zu Anfang mal ein amtliches Brett von einem Statement: Die Popmusik von heute gäbe es ohne Hamburg gar nicht. Wäre völlig undenkbar. Gar nicht hoch genug einschätzen kann man, was diese Stadt für die globale Musikgeschichte der letzten fünfzig, sechzig Jahre bedeutet. »Denn ein paar Jahre lang war Hamburg die Welthauptstadt der Popmusik«, sagt Bernd Begemann, »und es wird echt Zeit, dass die Leute das endlich begreifen.«

Begemann sitzt vor einem Restaurant in der Osterstraße und schwärmt sich gestenreich in Rage. Er ist Ostwestfale von Geburt, aber Hamburg ist seine Stadt, und so wenig, wie der Weltpop nach seiner Lesart ohne Hamburg zu denken ist, kann man sich die Musikszene der Stadt ohne diesen Mann vorstellen, und diese Ansicht ist seit drei Jahrzehnten hanseatisches Allgemeingut. Bernd Begemann, 55, ist Musiker, Faktotum, Inspiration, Hamburger Institution, und dass er kein nationaler Superstar ist, gehört zu den kleinen, miesen Ungerechtigkeiten des Pop-Universums.

Bernd Begemann bei »Made in Hamburg« in der Elbphilharmonie

Bernd Begemann
Bernd Begemann
Bernd Begemann © Andreas Hornoff

Rund um die Reeperbahn

Aber zurück zu seiner Hauptstadt-These. So zwischen 1959 und 1963, doziert Begemann, reiften rund um die Reeperbahn mehr Musiker von späterem Weltruf als irgendwo sonst auf dem Planeten. »Die pickligen, unterernährten britischen Jungs wurden in Hamburg
mit Festlandkultur konfrontiert und infiziert«, sagt er. »Und auch die Musiker aus Übersee fanden hier eine Art von kulturellem Untergrund, der ihrem Sound Tiefe gab.«

Bill Haley, Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis und, natürlich und vorneweg, die Beatles – wer auch immer in den Sechzigern im Pop Erfolg hatte: Hamburg mit dem Star-Club und dem Indra, dem Kaiserkeller und dem Hotel Pacific war ihr großes,
buntes Trainingslager.

Star-Club Hamburg
Star-Club Hamburg

In Hamburg sind wir zu Männern geworden

John Lennon

Soundtrack für nackte Brüste

Angefangen hat das alles damit, dass ein findiger Unternehmer, tja, sagen wir mal: den Soundtrack für nackte Brüste suchte. Bruno Koschmider betrieb seit den Fünfzigern auf St. Pauli mehrere Stripclubs, und weil in den aufgestellten Jukeboxen Rock ’n’ Roll besonders gut lief, rief er seinen Freund Allan Williams in Liverpool an. Ob der nicht ein paar Bands für seine Clubs hätte, zur Beschallung zwischen den Nackttänzen? Die hatte Williams.

Und so spielten ab 1960 The Beatles in Hamburg, viereinhalb Stunden pro Abend, am  Wochenende sechs, Tagesgage dreißig D-Mark. »In Hamburg«, sagte John Lennon einmal, »sind wir zu Männern geworden.«

An Silvester 1969 machte der legendäre Star-Club auf der Großen Freiheit allerdings für immer dicht. Während dort noch zum letzten Mal feucht durchgewischt wurde, eröffnete am Neujahrstag 1970 ein paar Kilometer nördlich eine andere Institution, die überregionale Bedeutung erlangen sollte.

Aber Bernd Cordua und Peter Marxen hatten weniger Pop im Kopf, als sie Onkel Pös Carnegie Hall im Lehmweg aufmachten – ein Jazzschuppen sollte das sein. Vergisst man ja auch manchmal, dass Udo Lindenberg, der erste große Star aus dem Pö-Dunstkreis, als Jazz-Drummer angefangen hat.

Dann aber wurde Lindenberg schnell zum Panik-Rocker, und plötzlich gab es eine Hamburger Szene, deren Keimzelle das Pö und eine WG an der Außenalster waren. Bis zu 14 Künstler wohnten zeitweise in der Villa mit der Postanschrift Rondeel 29, neben Lindenberg zum Beispiel Marius Müller-Westernhagen, Otto Waalkes und Lonzo Westphal, den man nicht zu Unrecht den »Teufelsgeiger von Eppendorf« nannte.

Die Sterne
Die Sterne © Staatsakt

Hamburger Schule

»Das war so ein erstes Ausrufezeichen deutscher Künstler«, sagt Bernd Begemann, »war auch schon wieder vorbei, als ich hier ankam. Aber die Siebziger waren ein weiteres Signal an alle, die es deuten konnten: In Hamburg geht was.« Begemann stammt aus Bad Salzuflen, da konnte, da wollte er nicht bleiben.

1982 packte er seinen Jugendherbergsausweis ein, kaufte sich eine Monatskarte für das Streckennetz der Deutschen Bundesbahn, fuhr auf der Suche nach einem Platz zum Leben durch die Republik und blieb in Hamburg hängen. »Es ist am besten hier«, sagt er. »Ich kannte die Geschichte der Musik, die der Musiker, und ich wusste: Das hier ist eine Stadt, die dich gut machen kann

Blumfeld

Blumfeld

Graue Wolken

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Wir haben uns ein Publikum erfunden.

Jochen Distelmeyer

Am faserigen Ende der Neuen Deutschen Welle

Was er vorfand, war eine Szene, die am faserigen Ende der Neuen Deutschen Welle von deutschsprachiger Musik vorläufig genug hatte. Es dauerte, bis sich Songwriter wieder Gehör verschafften.

Begemann gelang mit seiner Band Die Antwort 1987 ein kleiner Achtungserfolg. Und der führte dazu, dass andere Künstler aus Begemanns ostwestfälischer Heimat, allesamt musikalisch auf dem Label »Fast Weltweit« zu Hause, dem Bernd hinterherzogen. Jochen Distelmeyer zum Beispiel, der 1990 Blumfeld gründete. Frank Spilker mit Die Sterne, Bernadette La Hengst.

Diese Handvoll Leute aus den Hügeln um Herford und Bielefeld also waren es, die Anfang der Neunziger von Hamburg aus die deutsche Musikwelt nachhaltig veränderten. Sie traten eine Bewegung los, ein Konglomerat an Bands und Künstlern, Die Goldenen Zitronen gehörten dazu, später Huah! und Tocotronic. Für all das prägte ein findiger »taz«-Journalist den Begriff »Hamburger Schule«. »Die Idee, dass man Lieder singt über Dinge, die einen bewegen, war in der Zeit vor der Hamburger Schule völlig absurd«, sagt Begemann. »Und wir wussten auch gar nicht, für wen wir das eigentlich machten – Jochen Distelmeyer hat mal gesagt, wir hätten uns ein Publikum erfunden.«

Video: Bernadette La Hengst / »Wem gehört die Parkbank«

Bernadette La Hengst

Hamburger Rapper haben die deutsche Sprache leicht und locker und herrlich konsumierbar gemacht.

Bernd Begemann

Klüger als die handelsüblichen Gangsta-Rapper

Es gibt da noch eine Disziplin, die in den Neunzigern in Hamburg, na ja, nicht gerade erfunden, aber doch extrem verfeinert wurde. So sehr, dass Hamburger Hip Hop ein echtes Gütesiegel verpasst bekommen hat.

Das Epizentrum lag in Eimsbüttel, wo Jan Eißfeldt mit Dennis Lisk 1991 die Absoluten Beginner gründete, wovon sie später das erste Wort wegließen und sich selbst umbenannten, also im Klartext: Jan Delay und Denyo sind auch heute, nach zwölf Jahren Pause, wieder Beginner und höchst erfolgreich.

Ungefähr zur gleichen Zeit, vor einem Vierteljahrhundert, fanden sich drei Jungs aus Pinneberg, Halstenbek und Schenefeld zusammen, um letztlich als Fettes Brot in die Rap-Historie einzugehen. Während der Eimsbüttel-Szene, zu der auch Samy Deluxe und Fünf Sterne deluxe gehörten, ein gewisser sozialkritischer Anspruch angehaftet wurde, galten die Brote als reine Spaßtruppe.

»Hamburger Rapper haben die deutsche Sprache leicht und locker und herrlich konsumierbar gemacht«, sagt Bernd Begemann, der auch in der Hiphop-Szene geschätzt wird. Und was alle Hamburger Rapper eint: Sie sind wohlerzogener und deutlich klüger als die handelsüblichen Gangsta-Rapper aus dem Rest der Republik.

Gerüchteweise saßen die Brote bei der Bundestagswahl gemeinsam in einem Ottenser Wahllokal und haben Stimmzettel ausgeteilt. Kann man sich bei Bushido irgendwie nicht so recht vorstellen.

Beginner

Absolute Beginner

Irgendwie, irgendwo, irgendwann

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Hamburg ist einfach Musikstadt

So viele Musiker aus Hamburg sind rübergezogen in die Hauptstadt, Tomte-Sänger Thees Uhlmann zum Beispiel, Olli Schulz, Gisbert zu Knyphausen. »Pah«, sagt Bernd Begemann, »die bereuen das doch alle. Die halten die Unhöflichkeit dort genauso wenig aus wie ich. Da muss man sich ja entschuldigen, wenn man im Restaurant was bestellt.«

Hamburg, sagt er, sei eine Stadt mit Zusammenhängen, nicht so segregiert wie Berlin: »Das sind doch lauter voneinander losgelöste Kleinstädte.« Könnte man noch aushalten, aber Begemann sieht auch ein Haltungsproblem bei vielen Musikern in der Hauptstadt.

»In Hamburg ist die Debatte mehr so: Was wäre das Beste, was jetzt passieren könnte?«, sagt er. »In Berlin heißt es: Was kann ich tun, um besser zu wirken?« Dinge verändern sich, Orte auch. »Aber Hamburg ist einfach die Musikstadt, auch spirituell, und das wird bleiben«, sagt Bernd Begemann. »Vielleicht ist das nur ein Mythos. Aber Mythen schaffen Realitäten.«

Text: Stephan Bartels

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