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Glotzt nicht so romantisch

Aktueller denn je: Bertolt Brechts Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« führt den Kapitalismus vor.

Wo geht´s zur nächsten Whisky-Bar? Das sind eigentlich die berühmtesten Zeilen aus der Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«, die im Mai im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg zu erleben ist. Die von Bertolt Brecht und dem Komponisten Kurt Weill verfasste Oper wurde 1930 in Leipzig uraufgeführt und löste dabei einen der größten Theaterskandale der Geschichte aus. Viele Jahre später wurden diesen Zeilen aus dem »Alabama Song« Popgeschichte.

Fressen und Saufen

Mahagonny ist eine fiktive Stadt in der nordamerikanischen Wüste, in der die Genusssucht zum Zwang wird. Wer hier nicht das nötige Geld hat, um es fürs »Fressen«, »den nächsten Whisky« oder Sex auszugeben, ist verloren. Hier trifft sich eine Spaßgesellschaft, die sich am Ende selbst zugrunde richtet – ein modernes Sodom und Gomorrha, wie es Brecht selbst einmal nannte.

Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen / Zweitens kommt der Liebesakt / Drittens das Boxen nicht vergessen / Viertens Saufen, laut Kontrakt.

Aus Brechts »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«

Ein neues Theater

Brechts »Mahagonny« ist nicht nur offensichtliche Kapitalismuskritik, sondern schrieb auch Theatergeschichte. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts am New Yorker Broadway die große Zeit des Musicals anbrach, begründete Bertolt Brecht in Berlin unter anderem mit der Oper über »Mahagonny« das epische Theater, ein ganz neues Genre, das mit der klassischen Theaterform brach.

Im Theater ging es nach Brecht nicht mehr darum, zu empfinden, sich zu identifizieren oder gar zu genießen. Es ging darum, den Menschen aufzuwecken. Dafür durfte man es dem Theaterbesucher nicht zu gemütlich machen: Brecht arbeitete mit Spruchbändern, Plakaten, Chören und Projektionen – und auch mit der Musik von Kurt Weill.

Keine kulinarische Oper

Nicht nur die Theaterform, auch die Musik sollte kritisch, eben alles andere als gefällig sein. Keine »kulinarische Oper«, war das Credo. Dafür hatte Brecht in Kurt Weill genau den richtigen Partner gefunden.

Bis heute wird der Name Kurt Weill vor allem mit Bertolt Brecht in Verbindung gebracht. Nach Weills Flucht in die USA in den 1930er-Jahren schrieb er vor allem Musicals, bekannt ist er aber bis heute für die »Dreigroschenoper« – und eben »Mahagonny«.

In der Musik zum »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« zitiert Weill fröhlich aus der Musikgeschichte: Elemente aus Jazz, Blues, Foxtrott vermischen sich hier mit klassischen Formen und Klassik-Schlagern wie Tekla Bądarzewskas »Gebet einer Jungfrau«, Auszügen aus Carl Maria von Webers Oper »Der Freischütz«, Fugen von Johann Sebastian Bach oder Wagners berühmtem Tristan-Akkord.

Der Alabama Song

Bis heute ist Brechts »Mahagonny« Teil der regulären Spielpläne deutscher Theaterbühnen, gerade weil sein Stoff so extrem aktuell bleibt. Der bitterböse Hedonismus des Stücks steckte übrigens auch Popmusiker wie David Bowie oder The Doors an, die den berühmten »Alabama«-Song in den 1970er-Jahren adaptieren.

Well, show me the way
To the next whisky bar
Oh, don't ask why
Oh, don't ask why

Show me the way
To the next whisky bar
Oh, don't ask why
Oh, don't ask why

For if we don't find
The next whisky bar
I tell you we must die
I tell you we must die
I tell you, I tell you
I tell you we must die

The Alabama Song

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