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Frauen im Jazz

Jazz ist weder weiblich noch männlich. Und doch war der Fokus in der Jazz-Geschichte lange auf die männlichen Musiker dieses Genres gerichtet ...

Der Jazz ist inzwischen ungefähr 120 Jahre alt und war mit Ausnahme einiger großer Sängerinnen wie Billie Holiday oder Ella Fitzgerald bis in die 50er-Jahre hinein eine reine Männerdomäne. Erfolgreiche Instrumentalkarrieren starteten damals erst; so gelang es etwa der aus Deutschland stammenden Jazzpianistin Jutta Hipp in den 50er-Jahren, sich auch in den USA Anerkennung zu verschaffen. Auch die Komponistin und Pianistin Carla Bley begann um diese Zeit und stand als Frau im Jazz lange Zeit allein auf weiter Flur. Erst mit der feministischen Bewegung der 70er-Jahre bahnten sich Frauen wie die Saxofonistin Barbara Thompson auch abseits des Gesangsmikrofons oder des Klavierhockers zunehmend ihren Weg auf die internationalen Bühnen des Jazz.

Doch erst in den letzten 20 Jahren hat sich das Bild wirklich grundlegend gewandelt. Heute kommen die Frauen im Jazz längst nicht mehr nur aus den USA, und sie exzellieren inzwischen an allen denkbaren Instrumenten. So werden die Bühnen von Elbphilharmonie und Laeiszhalle allein in der Saison 2019/20 von zahlreichen hochkarätigen Musikerinnen der Jazzwelt betreten, darunter Carla Bley, Mary Halvorson, Hiromi, Lizz Wright, Julia Kadel, Angelika Niescier, Sylvie Couvoisier und Myra Melford.

Die Jazz

Gibt es weiblichen Jazz? Himmel, nein, es gibt ihn ebenso wenig wie männlichen, selbst wenn es der Jazz heißt. Musik ist universell, allumfassend, kosmisch. Trotzdem wäre mit Blindheit geschlagen, wer nicht sähe, dass auch die Geschichte des Jazz zuallererst eine Geschichte des Mannes ist. So findet man etwa in Reclams zweibändigem Kompendium »Jazz Klassiker« von 2005 mit rund 100 Biographien der wichtigsten Musiker des Genres: fünf Frauen. Drei davon sind Sängerinnen (Billie Holiday, Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald), zwei sind Pianistinnen bzw. Bandleaderinnen (Mary Lou Williams, Carla Bley). Und alle kommen aus den USA.

Ella Fitzgerald
Ella Fitzgerald © IISG / Wikimedia Commons

Eine Portion Extrafleiß

1977 war das Jahr der Geburt der Frauenzeitschrift »Emma« und das Jahr eins nach Gründung der Berliner feministischen Zeitschrift »Courage«. Doch als zur selben Zeit im legendär erfolgreichen United Jazz & Rock Ensemble die Saxofonistin Barbara Thompson in die fest gefügte Männerwelt des Jazz hereinbrach, war das fast ein Schock. Sie musste erst jenen Extrafleiß an den Tag legen, ohne den Frauen auch überall sonst im Berufsleben kaum als ebenbürtig gelten.

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Frauen im Jazz

Carla Bley

Die Anfänge der Selbstfindung und -verwirklichung der Frau im Jazz aber liegen schon zwei Jahrzehnte davor. Sie spielen naturgemäß in den USA, und sie kommen im Gewand einer Liebesgeschichte daher: Im New Yorker Jazzclub Birdland trifft die 20-jährige Karen Borg, geboren in Kalifornien, Tochter eines Klavierlehrers, 1956 auf Paul Bley, einen begnadeten Jazzpianisten aus Kanada. Sie jobbt dort als Zigarettenverkäuferin, er hat ein längeres Engagement im Birdland. Karen Borg, die sich in New York lieber Carla nennt, hält nicht viel von ihrem Klavierspiel. Dass sie Paul Bley sehr bald heiratet, verringert ihre Minderwertigkeitskomplexe als Musikerin nur deshalb, weil er Stücke in sein Programm aufnimmt, die sie geschrieben hat.

Ein Sprung ins Jahr 2019: Carla Bley hat Weltkarriere im Jazz gemacht – vor allem als Komponistin, Arrangeurin und Leiterin größerer Besetzungen vom Sextett bis zu Big Bands. Und schließlich auch als Stilistin am Klavier.

Interview: 5 Fragen an Carla Bley
Carla Bley
Carla Bley © Peter Purgar

Hiromi

Als komplementärer Gegensatz zu Carla Bley am Klavier ist die Japanerin Hiromi zu nennen. Wer ihre flammenden, technisch bravourösen und musikalisch grenzenlos erfindungsreichen Improvisationen hört, fühlt sich wie elektrisiert von der Mischung aus Wucht und eminenter Freude, mit der diese Künstlerin die Geschichte des Jazzklaviers von Art Tatum bis Chick Corea in sich vereint. Mit jeder Note, mit jedem Ton teilt sie ihr augenscheinliches Glück beim Klavierspiel mit der Welt.

Hiromi
Hiromi © Muga Miyahara

Myra Melford

Irgendwo zwischen den Antipoden Bley und Hiromi entspinnt die Amerikanerin Myra Melford ihre unverwechselbar eigene pianistische Geschichte. Nach einem grandiosen Konzert mit ihrem Quintett Snowy Egret in der Reihe »Jazz Piano« im Herbst 2018 hat die Elbphilharmonie sie für die Saison 2019/20 gleich wieder eingeladen. Melfords Freestyle-Tänze am Klavier sind mal Butoh, mal Ekstase. In ihrer Musik ist ebenso Platz für dunkle, karge Poesie wie für aus den Tasten gehämmerte Abstraktionen, für das Verwischte, prägnant Flüchtige der freien Improvisation.

Myra Melford
Myra Melford © Bryan Murray

Mary Halvorson

Zu gleichen Teilen mit Männern und Frauen besetzt ist das Sextet Code Girl, mit dem die US-amerikanische Gitarristin Mary Halvorson erstmals in den Kleinen Saal der Elbphilharmonie kommt. Auch Code Girl pflegt eine ausgefeilte Dynamik der Extreme zwischen individueller Freiheit und Gruppengeist. Die Bandleaderin nimmt sich zugunsten ihrer Mitspieler und der indisch-amerikanischen Sängerin Amirtha Kidambi oft weit zurück. Dabei hat sie mit ihrem markanten und kantigen, ursprünglich aus der Energie von Rock und Blues gespeisten Spiel auf der halbakustischen Gitarre eine Menge zu sagen.

Mary Halvorson
Mary Halvorson © Amy Touchette

Angelika Niescier

Es ist schon immer noch fast ein Politikum, dass es Nicht-Amerikanerinnen gelingt, in der Wiege des modernen Jazz die Besten ihres Fachs zu langjährigen Sidemen ihrer Projekte zu machen. Niescier, in Polen geboren, eine vor Lebensprallheit und treibender Ungeduld fast platzende Person, kommt mit Chris Tordini (bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug) nach Hamburg. Niescier (Altsaxofon) verkörpert in ihrem Spiel die rastlose Energie und das schwindelerregend hohe Niveau der Improvisatoren New Yorks, hat ihren Lebensmittelpunkt aber doch in Deutschland behalten.

Angelika Niescier New York Trio
Angelika Niescier New York Trio © Arne Reimer

Sylvie Courvoisier

Seit sie vor einem Vierteljahrhundert von Lausanne aus ihre Karriere begann, entwickelte die Schweizer Pianistin Sylvie Courvoisier, die schon lange in New York City lebt, ihren ständig in unvorhersehbarer Bewegung befindlichen Jazz immer weiter. Dabei gebiert Courvoisier eine aufwühlende, enorm physische Musik, die eindeutig geprägt ist von ihrem Instrument, dem sie Klänge weit jenseits konventioneller Spieltechniken ablauscht. Nach Hamburg kommt sie mit ihren Trio-Kollegen Drew Gress (Bass) und Kenny Wollesen (Schlagzeug).

Sylvie Courvoisier Trio
Sylvie Courvoisier Trio © Caroline Mardok

Julia Kadel

Jüngstes Beispiel für einen schön unorthodoxen Umgang mit dem Klavier und mit dem Jazz selbst ist die Berlinerin Julia Kadel, die mit ihrem langjährigen Trio mit Kalle Enkelmann (Bass) und Steffen Roth (Schlagzeug) im Januar 2020 im Kleinen Saal der Laeiszhalle ihr Debüt gibt. Sie verweigert sich dem Jazz-Mainstream mit jeder Faser ihrer eigenwilligen Musik und ist mit ihrer faszinierend undurchschaubaren Improvisationskunst inzwischen beim Traditionslabel MPS unter Vertrag.

Interview: 5 Fragen an Julia Kadel
Julia Kadel
Julia Kadel © Lisa Wassmann

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