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Dunkle Seele, gold’nes Herz: Das Wienerlied

Wenn im Wein die Wahrheit liegt, dann klingt sie ganz schön bittersüß. Über den Heurigen und das Wienerlied.

Dass sich die österreichische Metropole Wien zum wiederholten Male lebenswerteste Stadt der Welt nennen darf, ist durchaus nachvollziehbar. An kaum einem anderen Ort ist die Kultur der Natur so nahe. Ja, die Stadt ist weitläufig, doch es nimmt nur wenig Zeit und Mühen in Anspruch, sie zu verlassen. Zumindest gefühlt. So ziemlich jede Endstation einer Straßenbahn- oder Buslinie bringt einen ins Grüne. In die kultivierte Wildnis, wo sich die Landvilla an den Weinberg schmiegt und der Weinberg an den Heurigen.

Genau, der Heurige, wo man in der Regel im Schatten schützender Bäume auf hölzernen Bänken sitzt und sich Weine aus eigenem Anbau kredenzen lässt. Ein Vierterl von diesem, ein Achterl von jenem. Die Heurigen sind wertvolle Relikte aus alten Zeiten, die von Jung bis Alt und von Einheimisch bis Zugereist die Menschen an den Stadtrand locken – auf dass diese wenig später frohlocken.

Neue Wiener Concert Schrammeln

Neue Wiener Concert Schrammeln – Vienna Wien Wean

Wo’s gesellig ist, da wird gesungen

Was man in den Heurigen in Grinzing, Sievering oder am Nussberg feiert, ist nicht nur das Zusammensein, sondern vor allem auch ein Stück Nostalgie. Denn schon vor vielen Dekaden saß man hier und gab sich dem Weingenuss hin – häufig begleitet von den sanften Klängen einer Musikgattung, die hier ihren Ursprung und ihr natürliches Biotop fand: dem Wienerlied.

Der Begriff »Heuriger« bezeichnet den Wein der letzten Ernte (»heuer« ist Österreichisch für »diesjährig«) und gleichzeitig das Lokal, an dem dieser getrunken wird. Neben Wein gibt es beim Heurigen natürlich auch Alkoholfreies und regionale Köstlichkeiten. Etwa 100 echte Heurige gibt es in Wien.

Das Jodeln verbindet man in der Regel eher mit den Tiroler Hochalpen als mit der Großstadt. Doch auch Wien hat im Laufe des 19. Jahrhunderts einen eigenen Jodelstil etabliert. Nur »jodelte« man hier nicht: man »dudelte«. Und das bevorzugt – wo sonst? – beim Heurigen.

Es entstand im frühen 19. Jahrhundert als Sammelsurium verschiedenster Einflüsse – aus der Tradition des Straßenlieds, der Bänkelsänger und Harfenisten. Zugleich fanden mit dem Wienerlied auch die Operette und der Wiener Walzer sowie die Frühromantik ihre dem Volk zugewandtere Seite. Städtische Gesangsstile, geprägt von Zuwanderern aus anderen Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie, verschmolzen mit alpenländischen Elementen und Nestroy’sche Theatercouplets mit rhythmischen Formen des Ländlers und der Polka.

Gleichzeitig fanden weitere bedeutende Transformationen statt: Die Musik wanderte von der Bühne in die Gaststätten und Heurigen. Und die Auftrittskultur wurde zur Mitmachkultur – denn nicht selten stimmte auch das Publikum mit ein.

Das »Schrammel-Quartett« der Brüder Johann und Josef (etwa 1879)
Das »Schrammel-Quartett« der Brüder Johann und Josef (etwa 1879)

Vom Volkssänger zu den Schrammeln

Richtig in Schwung kam das Wienerlied durch Volkssänger, wie etwa Johann Baptist Moser. Und später dann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, schufen die Gebrüder Johann und Josef Schrammel die noch heute nach ihnen benannte Schrammelmusik. Urtypisch mit Violinen, Kontragitarre, Klarinette und charakteristischer Schrammelharmonika. Ein Stil, der auch gegenwärtig mit Würde weitergetragen wird: Unter anderem von den Neuen Wiener Concert Schrammeln, die im Rahmen von »Ganz Wien« auch die Elbphilharmonie verwienern werden.

Hans Moser und Paul Hörbiger singen »Ich trag im Herzen drin a Stückerl altes Wien«

Die Schrammelmusik wird als »raunzend«, also weinerlich, charakterisiert – getragen von einer beschwingten Melancholie. Und diese liegt dem Wienerlied allgemein zugrunde. Vor allem, was die gesungenen Texte betrifft. Hier spielt der allgegenwärtige Tod eine große Rolle. Die verlorene Liebe. Der Verfall der Sitten. Die gute alte Zeit, die nie wieder zurückkehrt. Das war im 19. Jahrhundert so, aber auch in der Nachkriegszeit, als Größen wie Helmut Qualtinger, Hans Moser oder Paul Hörbiger das Wienerlied wieder einer neuen Popularität zuführten.

Doch inmitten all der Finsternis leuchtet es immer noch hell, das goldene Wienerherz. Auch jetzt noch. Verkörpert von Der Nino aus Wien, Molden Resetarits Soyka Wirth oder 5/8erl in Ehr’n, Vertretern des Neuen Wienerlieds. Allesamt beweisen sie, dass das Morbide und das Lebenswerte bestens harmonieren. Sich gar gegenseitig befeuern. Damit ist auch bewiesen, dass das Wienerlied unsterblich ist. Zumindest solange beim Heurigen noch das Licht brennt.

Text: Matthias Alber (26.06.2019)

Titelbild: Wieninger am Nussberg © WienTourismus/Peter Rigaud

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