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Die verpasste Katastrophe

György Ligetis groteskes Musiktheaterspektakel »Le Grand Macabre«

»Le Grand Macabre« in der Elbphilharmonie

Am 10., 12. und 13. Mai 2019 ist Ligetis monumentales Opernspektakel im Großen Saal zu erleben – am 13. sogar von zu Hause aus im Livestream.

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György Ligeti war Künstler von früher Jugend an. Schon als Kind erfand er Musik, zeichnete, malte, verfasste Texte, ersann sich ein Fantasieland namens »Kylwiria«, hielt es in Bildern fest und kartographierte es sogar. Dieser sprühende Geist musste irgendwann eine Oper schreiben, in der sich die visuelle Fantasie, die Lust am Kreuz- und Querdenken, die literarischen und theatralischen Neigungen mit der Musik zu einem Werk verbanden.

1978 hob er schließlich ein monumentales Stück aus der Taufe, das das Hamburger Abendblatt »die verrückteste Oper der Welt« nennt: »Le Grand Macabre«, eine absurde Weltuntergangs-Vision zwischen Mittelalter, derbem Theater und paradoxem Bühnenspektakel.

Mescalina und ihr Gatte Astradamors
Mescalina und ihr Gatte Astradamors © Peter Hundert / Elbphilharmonie Hamburg / NDR

Könnte eine Oper gleichzeitg beglücken und Hirnschäden verursachen – es wäre Ligetis »Le Grand Macabre«.

The Philadelphia Inquirer

Die verrückteste Oper der Welt

1978 uraufgeführt, mobilisiert das Stück vom trivialen Dialog bis zur Groteske alle erdenklichen theatralischen, vom erhabenen Latein über die Gossensprache bis zum Silbensalat alle möglichen sprachlichen Mittel. Seine Handlung spielt im »Fürstentum Breughelland, einem imaginären Land, in keinem bestimmten Jahrhundert«. Wie auf den Bildern des Piet Breughel toben dort das pralle, lustvolle Leben und der nicht minder extensive Tod – gierig, oft nackt, berauscht, bizarr.

Inspiration für Ligeti: Die Gemälde Pieter Bruegels (hier: Die Kinderspiele, 1560)
Inspiration für Ligeti: Die Gemälde Pieter Bruegels (hier: Die Kinderspiele, 1560) © Pieter Bruegel

György Ligeti sprengte mit dieser Oper – sie blieb seine einzige abendfüllende – praktisch alle Grenzen, auf die er traf: diejenigen zwischen visueller Fantasie, Sprache und Musik, zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen dem weltgeschichtlichen Gestern, Heute und Morgen, zwischen Ernst und Groteske, zwischen Tragik und Komik, auch jene zwischen Gattungen und Stilen.

Weltuntergang als Komödie

Breughelland liegt dort, wo Weltentwurf und Karneval zusammenspielen, wo die blühende Fantasie das wirkliche Leben erreicht und seine Triebkräfte freilegt. Es sind vor allem zwei: Liebe und Tod. Die Liebe verkörpern im buchstäblichen Sinn das Paar Amanda und Amando, das in unerschöpflicher Lust unter allen Katastrophen hindurchtaucht. Als Tod tritt der gewaltige Nekrotzar auf; um Mitternacht droht er die Welt durch den Einschlag eines Kometen auszulöschen. Er gibt den Allmächtigen, der Geschehen, Handeln, Fühlen diktiert.

Amanda und Amando
Amanda und Amando © Peter Hundert / Elbphilharmonie Hamburg / NDR

Grundthema der Oper sei – so Ligeti – die Aufhebung der Angst, indem man sehr ernste Dinge lächerlich macht.

Constantin Floros

Aber er hat seine Rechnung ohne den Wirt gemacht, ohne den Weinschmecker Piet vom Fass, der seinen Pegel niemals unter die kritische Promillegrenze fallen lässt. Nekrotzar macht ihn zu seinem Gehilfen, reitet auf ihm in die Stadt ein und verkündet dort seine apokalyptische Botschaft. Aber Piet verwickelt den Herrn und Meister in ein Saufgelage, sodass er den Kometeneinschlag und den Weltuntergang verpasst. Dumm gelaufen. Nun müssen die Menschen auf die nächste Katastrophe warten.

Piet vom Fass und Nektrotzar
Piet vom Fass und Nektrotzar © Peter Hundert / Elbphilharmonie Hamburg / NDR

Grenzenlos grotesk

Es gibt noch allerhand anderes Personal in der Oper: ein Fürstchen, das man auch mit »W« schreiben könnte, einen Wahrsager, der nicht Herr in seinem Hause ist, eine Domina, die nach einer Droge benannt ist (seine Frau), und natürlich die Leute von Breughelland.

Elbphilharmonie: Probeneindrücke zu »Le Grand Macabre«

Die Musik

Das gilt auch für die Musik: Musizierweisen des Barock überlagern sich mit Zwölftonkonstruktion – eine nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Technik, bei der Töne nicht mehr als Netz von Akkorden, sondern gleichberechtigt in mathematischen Reihen organisiert werden –, die sich wiederum auf Beethovens Dritte Sinfonie »Eroica« bezieht.

Ligeti türmt verschiedenste Zitate übereinander, im Dritten Bild stapelt er beispielsweise einen Ragtime – Scott Joplins »Entertainer« –, einen Osterhymnus aus der orthodoxen Liturgie, eine Mozart-Parodie (aus der Oper »Don Giovanni«), Volkstümliches aller Art und einen Cha-cha.

Le Grand Macabre

Zeichnung von Regisseur Doug Fitch, dessen Konzept bei der Inszenierung in der Elbphilharmonie umgesetzt wird

Die Dämonen von Breughelland

Zeichnung von Regisseur Doug Fitch, dessen Konzept bei der Inszenierung in der Elbphilharmonie umgesetzt wird

Die Handlung: Chaos in vier Bildern

  • Erstes Bild: Apokalypse mit Autohupen

    Konzert der Autohupen. Piet vom Fass stimmt angetrunken das »Dies irae« an, die berühmte Sequenz vom Jüngsten Gericht aus der lateinischen Totenmesse. Nekrotzar entsteigt dem Friedhof und macht Piet zu seinem Diener. Amanda und Amando suchen nach einem Ort für ungestörte Liebe und klettern in ein Grab. Der Todeskaiser reitet auf Piet Richtung Stadt und verkündet mit dem Geisterchor den bevorstehenden Weltuntergang.

  • Zweites Bild: Sado-Maso und Vampirbiss

    Im Haus des Hofastrologen: Astradamors ist ein Messie; bei ihm sieht es aus wie auf einem Hitchcockschen Dachboden. Seine Gattin Mescalina zieht eine Sado-Maso-Nummer durch, träumt dann im schweren Rotweinschlaf von einem besseren Mann. Er kommt. Nekrotzar. Ein ganzer Kerl mit Vampirsqualitäten. Mescalina stirbt mit einem entsetzlichen Schrei. Astradamors jubelt, bringt die Leiche mit Piet in den Keller. Nekrotzar verkündet das Ende der Welt.

  • Drittes Bild: Der Fürst, der keiner ist

    In Breughelland. Den Fürsten Go-Go, ein verfressenes Babyface, lenken zwei rivalisierende Minister. Go-Go tritt zurück, um sich ungehemmt vollfressen zu können. Der Chef der Gepopo (Geheime Politische Polizei) warnt vor der aufständischen Menge. Astradamors naht fröhlich singend und wagt mit Go-Go ein Tänzchen. Mit großem Trara reitet dann Nekrotzar auf Piet herbei und wird in ein Saufgelage verwickelt.

  • Viertes Bild: Das Weltgericht

    Auf dem Friedhof. Alle Figuren versammeln sich. Piet und der Wahrsager Astradamors schweben herein, bestätigen sich gegenseitig den Tod und kondolieren sich. Go-Go tritt auf, hält sich für den einzig Überlebenden, wird aber eines Besseren belehrt. Mescalina streitet sich mit Ministern. Schlusstanz aller Beteiligten. Das Liebespaar zieht Bilanz: »Nämlich das Beste, was es gibt, ist, wenn man sich ausführlich liebt. Wenn man das tut, dann steht die Zeit ganz still: Es gibt nur Ewigkeit.«

Hinter den Kulissen: »Le Grand Macabre« in der Elbphilharmonie

Text: Habakuk Traber, 08.05.2019

Titelbild: New York Philharmonic / Alan Gilbert © Chris Lee, 2010

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