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Die Musik in jedem Menschen

»Wie wirkt Musik?« – Ein Chorleiter, ein Neurologe und ein Musiktherapeut antworten.

Musik spielt auf der gesamten Klaviatur menschlicher Emotionen: Sie verströmt Energie, Euphorie und Trauer. Musik entfesselt heilende Kräfte, sorgt für Gänsehaut und Glückshormone. Musik verbindet. Musik erklingt in jedem Menschen. »Musik höre ich wehrlos«, hat der Autor und leidenschaftliche Musik-Hörer Roger Willemsen gesagt.

Kultur, Wissenschaft und Therapie

Wie Musik auf Körper, Geist und Seele des Menschen einwirkt, kann man aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Im Gespräch versuchten drei Experten aus ihren Tätigkeitsbereichen Antworten zu finden. Streng wissenschaftlich über die Verortung und Verarbeitung von Musik im Gehirn, kulturgeschichtlich oder aus der Sicht therapeutischen Nutzens und natürlich aus der Praxis von Musikern selbst.

Musik, speziell das Singen, steht am Anfang und am Ende des Lebens. Kinder singen, bevor sie sprechen können, Sterbende singen Lieder, die sie in ihrer Kindheit gelernt haben.

Tim Günther, Kirchenmusiker und Chorleiter

Tim Günther ist Kirchenmusiker an der Kulturkirche St. Stephani in Bremen. Für ihn hat Musik etwas Allgegenwärtiges. »Alle Menschen haben ein Verhältnis zur Musik, wir haben spezielle Musik, die uns im Leben begleitet«, sagt Günther, »Es gibt nichts, was uns so sehr umfängt wie Musik.« Man spricht von »unserem Lied« bei Liebespaaren, man erinnert sich an die Musik im Tanzkurs oder bei der Hochzeit.

Die magische, unerklärliche Wirkung musikalischer Kreativität erklärt der amerikanische Pianist Craig Taborn als »Interaktion mit metaphysischen Kräften«. Von dieser magischen Wirkung seiner Musik konnte sich das Publikum beim Festival »Lux aeterna« überzeugen, bei dem Craig Taborn ein Solokonzert in der Laeiszhalle gegeben hat.

Craig Taborn

Video: Craig Taborn über sein Konzertprogramm in der Laeiszhalle.

Wenn einen Musik besonders stark emotional berührt, tritt dieser so genannte Chill-Effekt auf.

Eckart Altenmüller

Musik als emotionales Kommunikationssystem

Der Musiker und Neurologe Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover hat sich wissenschaftlich mit dem Einfluss von Musik auf die menschliche Psyche beschäftigt. Für ihn ist Musik genetisch im Menschen verankert, er spricht von einem urtümlichen emotionalen Kommunikationssystem, das noch vor der Sprache entstanden ist. Die Äußerung elementarer Gefühle in der Frühgeschichte des Menschen über die Stimme, wie Stöhnen und Ächzen oder Lachen und Kreischen seien Grundmuster auch in der Musik. »Das ist heute natürlich hochgradig verfeinert und kulturell überformt«, erklärt der Musikphysiologe, der auch zum Phänomen des Gänsehaut-Effekts geforscht hat.

Starke emotionale Reaktion

»Wenn einen Musik besonders stark emotional berührt, tritt dieser so genannte Chill-Effekt auf. Vor allem bei eher traurigen Stücken, die man bereits kennt oder in Momenten, wenn sich in der musikalischen Struktur etwas überraschend ändert«, erklärt Altenmüller. Zum Beispiel, wenn sich eine Stimme aus dem Hintergrund löst oder das Tempo wechselt.

Kurz erklärt

  • Was ist der Chill-Effekt?

    Wenn Euphorie und Glücksgefühle, aber auch ein Anflug von Melancholie Körper und Geist durchfluten, spricht man vom Chill-Effekt, besser bekannt als Gänsehaut. Ein wohlig-wehmütiger Schauer, verursacht durch körpereigene Glückshormone wie Dopamin und Endorphin, der oft beim Musikhören auftritt. Nicht jeder Mensch bekommt bei der gleichen Musik eine Gänsehaut; dennoch gibt es bestimmte musikalische Reize, die besonders häufig diese Reaktion verursachen: eine unerwartete harmonische Wendung, ein Crescendo oder der Gegensatz zwischen Solo und Orchester. Auch traurige Stücke über unerwiderte Liebe, Sehnsucht oder patriotischen Stolz können den »Schauer der Ergriffenheit« auslösen.

Grundlegende Stimmungen wie Fröhlichkeit und Trauer sieht Altenmüller als Universalien in der Musik, die entweder »schnell und hochfrequent« oder mit tiefen, rauen Tönen und langsamen Rhythmen gespielt werden.

Musik als Erfahrungs- und Schutzraum

Eckart Altenmüller sieht den Wert von Musik auch darin, dass sie ein Erfahrungs- und Schutzraum der menschlichen Gefühle ist – vor allem auch bei der Herausbildung der Persönlichkeit. »Unsere Persönlichkeit bestimmt, welche Musik wir tendenziell bevorzugen. Bereits acht- bis neunjährige Kinder können mit Musik bei sich bestimmte Stimmungen erzeugen«.

»Musik ist uns nie egal«

André Klinkenstein, Direktor am Institut für Musiktherapie Berlin, sagt, dass sich Menschen nicht von Musik distanzieren können. »Wir finden Musik immer irgendwie, sie ist uns nie egal«.  Ein Grund dafür sei sicherlich, dass ein Embryo schon ab der 13. bis 14. Schwangerschaftswoche akustische Reize wahrnehmen könne. Klinkenstein, selbst Musiker, sieht eine Analogie zwischen körperlichen Merkmalen des Menschen, insbesondere der Mutter, und musikalischen Grundstrukturen.

»Der Herzschlag als Metrum, Bewegungen der Mutter als Rhythmus, Körperflüssigkeiten wie Blut als Harmonie und die Stimme als Melodie«, beschreibt er diesen »vorgeburtlichen musikalischen Raum«.

Elfi-Babykonzert

Video: Funkelkonzert XS – Babykonzerte in der Elbphilharmonie.

Ein Stück, das uns heute glücklich stimmt, kann uns morgen schon traurig machen.

Andrè Klinkenstein

»Musik selber macht gar nichts«

In der Regulativen Musiktherapie konfrontieren Klinkenstein und seine Kollegen ihre Patienten mit ihnen zumeist unbekannter Musik. Ziel ist es, die innere Abwehr zu lösen, um unangenehme Gefühle zuzulassen und so behandelbar zu machen.  

»Musik ist ein starkes Gegenüber, das uns Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise emotional fordert«, sagt Klinkenstein. Reproduzierbare Ergebnisse und feste Therapievorgaben wie mit pharmazeutischen Mitteln seien so allerdings nicht zu erreichen.

»Ein Stück, das uns heute glücklich stimmt, kann uns morgen schon traurig machen«, sagt der Therapeut, der weiß: »Die Musik selber macht gar nichts. Wir lassen sie auf unsere Seele wirken oder eben nicht.«

Autor: York Schaefer

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