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Die Elbphilharmonie kommt unter die Taube

Mit der Installation »Requiem for Architecture« werfen die HALLO: Festspiele als diesjähriger Kooperationspartner des Internationalen Musikfests Hamburg existentielle Fragen auf

Tauben sind erstaunliche Tiere. Sie tragen zum Beispiel Post aus, vorzugsweise im Ruhrgebiet. Andererseits hält man sie, wenn sie auf dem Dach sitzen, für weniger wertvoll als den Spatz in der Hand. Sie tragen auch den kaum schmeichelhaften Beinamen Ratten der Lüfte. Doch war es nicht die von Noah ausgesandte Taube, die ihm nach dem Ende der Sintflut auf dem Berg Ararat den Ölzweig überbrachte? Die Taube – Symbol des Friedens und der Verderbnis.

Auf der Plaza der Elbphilharmonie wird den Tauben die Idee auf Sesshaftigkeit mithilfe eines hochfrequent schwingenden Dauertons konsequent ausgetrieben. Sie hören so etwas nicht gern und bleiben solchen Orten deshalb fern. Die Apparatur trägt den Namen Taubenvergrämungsanlange.

Der Taubenschlag des Künstlers wird – ein Requiem gurrend – den Verfall dieses Gebäudes vorwegnehmen

HALLO: Festspiele

Requiem for Architecture

Der Aktionskünstler Daniel Dominguez Teruel aus dem Umfeld des Alten Kraftwerks Bille findet das nicht nur wenig tierlieb. Er hält die Taubenabwehr für einen Fall von Hochmut, der vor dem Fall kommt. Deshalb bricht er nun mit seinem »Requiem for Architecture« eine Lanze für die abgewiesenen Tauben an der Elbphilharmonie, womöglich auch für das Taubenwesen an und für sich. Seine These: Weder Klinker noch Glas noch Beton werden lang überdauern, die grauen Stadtbewohner der Lüfte aber schon. Ließe man sie barmherzig einfach heranfliegen, gar hier nisten, würden sie kraft ihrer Ausscheidungen den Zerfallsprozess der Elbphilharmonie, unabwendbar so oder so, nur etwas beschleunigen.

Damit ein jeder bedenke, dass selbst die hochfliegendste Architektur nicht ewig währt, widmet Dominguez Teruel ihr nun eine Totenmesse. »Der Taubenschlag des Künstlers wird – ein Requiem gurrend – den Verfall dieses Gebäudes vorwegnehmen«, schreiben die Initiatoren von den HALLO: Festspielen, die unter anderem mit dieser Produktion als Kooperationspartner des diesjährigen Internationalen Musikfests Hamburg in Erscheinung treten.

Daniel Dominguez Teruel
Daniel Dominguez Teruel © George Williams

Alle Informationen zu den HALLO: Festspielen 2019:

hallo-festspiele.de

Die Klanginstallation

Was genau dabei passieren wird? Lassen Sie sich überraschen. Die Rede ist von einer mehrtägigen Klanginstallation (23.–29. Mai) auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie, die mit einem »konzert-ähnlichen Moment« auf der Plaza am 29. Mai um 19 Uhr zu ihrem Höhepunkt kommt. Dabei spielt das Kaiserquartett von Joseph Haydn eine wichtige Rolle, dessen zweiter Satz mit äußerst bewegter Eigengeschichte bekanntlich die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland bildet.

Alles hängt mit allem zusammen, die Nationalhymne mit der Vergänglichkeit, die Taube mit der Musik, und das Alte Kraftwerk Bille mit der Elbphilharmonie. Denn während die Elbphilharmonie gewissermaßen den Status der von allen großzügig mit Brotstückchen zum Aufschnappen beworfenen Hafenmöwe genießt, teilt die Künstlerkolonie aus dem wilden Osten der Stadt in ihrer Selbstwahrnehmung wohl eher das Schicksal der Taube, die sich ihr Überleben auf andere Art sichern muss.

Altes Kraftwerk Bille
Altes Kraftwerk Bille © Nils A. Petersen

Die Elbphilharmonie wünscht sich natürlich sehr, auf diese Art ihren Ruf als Taubenfeindin ein für alle Mal loszuwerden und hofft inständig, dass weder das mächtige temporäre Gegurr der Klanginstallation noch gar die Performance auf der Plaza selbst beim geneigten Publikum auf taube Ohren stößt. 

Text: Tom R. Schulz, 10.05.2019

Wann ist die Installation zu sehen?

  • 23.–29. Mai: Vorplatz der Elbphilharmonie
  • 29. Mai, 19 Uhr: Elbphilharmonie Plaza

Ausgewählte Veranstaltungen der HALLO: Festspiele im Überblick

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