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Charles Ives: »Concord«-Sonate

Die »Concord«-Sonate gehört zu den bedeutendsten Werken des amerikanischen Komponisten Charles Ives und hält einige Überraschungen bereit ...

Schwerpunkt Charles Ives (1.10.-21.10.2018)

Zu den Konzerten

Charles Ives gehört zu den bedeutendsten Komponisten Amerikas. Er wollte sich nicht an gängige Kompositionsschulen oder Traditionen der europäischen Klassik halten, lieber verarbeitete er Alltagsgeräusche oder die Musik seiner Zeit wie Ragtimes, Spirituals oder Tanzmusik zu Collagen und schrieb damit Musikgeschichte. In der Elbphilharmonie ist ihm im Oktober 2018 ein Themenschwerpunkt gewidmet, zu dessen Auftakt die »Concord«-Sonate, eines seiner wichtigsten Werke und das harmonisch und rhythmisch wahrscheinlich radikalste Experiment seiner Zeit erklingen wird. Am 1. Oktober führt Pianist Pierre-Laurent Aimard die Sonate mit Adam Walker (Flöte) und Tabea Zimmermann (Viola) in ihrer selten gespielten Originalfassung auf.  

Keine Kompromisse

Charles Ives wollte keine künstlerischen Kompromisse eingehen – und das musste er auch nicht. Denn er arbeitete nach dem Kompositionsstudium nicht hauptberuflich als Komponist, sondern als Versicherungsmakler. Die Versicherungsgesellschaft Ives & Myrick gehörte bisweilen zu den erfolgreichsten der damaligen Zeit.

Die Büros der Ives & Myrick Versicherungsgesellschaft in New York City
Die Büros der Ives & Myrick Versicherungsgesellschaft in New York City © Yale University, Irving S. Gilmore Library

Vielleicht hat dieser Umstand auch für die Freiheit und Unabhängigkeit von der Meinung anderer über seine Kompositionen geführt, wie er in seinen Essays zur »Concord«-Sonate schreibt: 

Diese einleitenden Essays wurden vom Komponisten für jene geschrieben, die mit seiner Musik nichts anfangen können, und die Musik für jene, die mit seinen Essays nichts anfangen können; jenen, die mit beidem nichts anfangen können, ist das Ganze ergebenst gewidmet.

Die »Concord«-Sonate

1. Warum »Concord«?

Der Untertitel der Sonate Concord, Mass., 1840-60 verweist auf die kleine Stadt Concord in den USA. In diesem kulturellen Zentrum begegneten sich damals Philosophen und Literaten, darunter vor allem Vertreter des Transzendentalismus. Die Anhänger dieser kulturellen Strömung – mehrheitlich Intellektuelle – stellten vieles in Frage, prangerten Missstände in der amerikanischen Politik, Religion und Gesellschaft an und suchten nach alternativen Lebensformen. Ives fühlte sich ihnen eng verbunden: Auch er wollte als Komponist unabhängig sein und sich nicht von den vermeintlichen Konventionen der klassischen Musik einschränken lassen.

Concord / Mass. (USA) / um 1840
Concord / Mass. (USA) / um 1840

Sonate Nr. 2 Concord, Mass., 1840-1860

  • Komponist: Charles Ives (1874–1954)
  • Erschienen: 1920 / rev. Fassung 1947
  • Dauer: ca. 45 Min.
  • Benannt nach der Stadt Concord (USA)

2. Vier Sätze - fünf Personen

Die vier Sätze der Sonate sind jeweils nach bedeutenden Schriftstellern des Transzendentalismus benannt: Ralph Waldo Emerson, Nathaniel Hawthorne, Amos Bronson Alcott mit seiner Tochter Louisa May Alcott sowie Henry David Thoreau. Ives hatte sich intensiv mit ihren Werken beschäftigt und versuchte nun in seiner Sonate die jeweilige Persönlichkeit und Überzeugungen musikalisch zum Ausdruck zu bringen. So entstanden impressionistische Porträts von Emerson und Thoreau, eine Skizze der Alcotts sowie ein Scherzo leichteren Charakters zu Hawthorne.

I.   Emerson, Slowly
II.  Hawthorne, Very fast
III. The Alcotts, Moderately
IV. Thoreau, Starting slowly and quietly

I. Emerson

Charles Ives

Ralph Waldo Emerson (1803–1882)
US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller

Nathaniel Hawthorne (1804–1864)
US-amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen Romanen und Kurzgeschichten weltweit bekannt wurde.

Amos Bronson Alcott (1799–1888)
US-amerikanischer Schriftsteller und Pädagoge, der die Idee des Transzendentalismus in die pädagogische Praxis umsetzte.

Louisa May Alcott (1832–1888)
US-amerikanische Schriftstellerin, Tochter von Amos Bronson Alcott.

Henry David Thoreau (1817–1862)
Amerikanischer Schriftsteller und Philosoph, Autor des weltberühmten Aussteiger-Klassikers Walden. Or life in the Woods, in dem er sein einfaches Leben am See und die Natur beschrieb.

3. Ein Fan von Zitaten

Ives’ Freude an Collagen und Zitaten erkennt man unter anderem daran, dass in allen vier Sätzen das Eröffnungsmotiv der Fünften Sinfonie Ludwig van Beethovens (s. Video) auftaucht, weniger deutlich auch die beiden ersten Takte seiner Hammerklaviersonate sowie im dritten Satz der Hochzeitsmarsch aus Richard Wagners Lohengrin.

Charles Ives

4. Musikalische Experimente

In diesem Werk zeigen sich Ives’ experimentelle Tendenzen sehr deutlich: Rhythmen überlagern sich, die Harmonien sind anspruchsvoll und ein Großteil der Sonate kommt ohne Taktstriche aus. Im Zweiten Satz sind Cluster (= Klanggebilde, dessen Töne nahe beieinanderliegen) einkomponiert, die mit einem Holzbrett erzeugt werden sollen (es wird dabei auf die Klaviertasten gelegt). Dieses soll genau 14 ¾ inches sein und mit Flanell bespannt sein – so notierte es Ives in der Partitur.

Auch nicht ganz gewöhnlich für eine Klaviersonate: Im ersten, beziehungsweise vierten Satz können auch noch eine Flöte und eine Viola mitspielen, jeweils nur für wenige Takte – und nur, wenn man möchte.

Die ›Concord‹-Sonate ist das einzige Werk, das, wann immer ich es spiele, unvollendet wirkt. Vielleicht werde ich immer das Vergnügen haben, es nicht zu vollenden.

Charles Ives

5. Vollendet oder nicht?

Die Basis für die »Concord«-Sonate bildeten einige Werke für Orchester (die Emerson Ouvertüre für Klavier und Orchester, das Hawthorne Klavierkonzert und die Alcott Ouvertüre), die Ives schon zuvor komponiert hatte. Für die Klaviersonate versuchte er, die musikalische Struktur zu vereinfachen, doch ihn ließ das Gefühl nicht los, dass die Sonate noch nicht vollendet war, was letztlich auch dazu führte, dass um 1847 eine neue stark überarbeitete Fassung erschien.

Autorin: Julia Mahns

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