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Béla Bartók: Jäger und Sammler

Der Komponist Béla Bartók sammelte Anfang des 20. Jahrhunderts über 10.000 Volksgesänge – von Ungarn bis Algerien.

Es muss ein absolutes Ereignis gewesen sein für die Bauern im kleinen Dörflein Darázs, gelegen in der heutigen West-Slowakei, als 1908 ein bebrillter Musikforscher aus der Hauptstadt auftauchte. Im Gepäck führte er einen Edison-Phonographen, das weltweit erste Gerät zur Aufnahme und Wiedergabe von Tönen. Systematisch bat er Sänger und Instrumentalisten vor seinen Trichter, um ihre Musik auf Wachswalzen aufzuzeichnen und später am Schreibtisch in Noten zu transkribieren. Ob das den einfachen Leuten vom Land geheuer war? Auf dem Erinnerungsfoto (Bild unten), das seinerzeit in Darázs entstand, schauen sie jedenfalls recht skeptisch drein – bis auf die beiden neugierigen Gesichter ganz links über dem Gartenzaun.

Béla Bartóks originale Tonaufnahmen

Béla Bartók im Dorf Darázs (1908)

Béla Bartók: Zurück in die Zukunft

Bei dem Forscher handelte es sich um einen gewissen Béla Bartók (1881–1945), einer der facettenreichsten und innovativsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er wollte der zeitgenössischen Musik neue Wege ebnen – und fand den Schlüssel dazu ausgerechnet in der Volksmusik seiner ungarischen Heimat, die er systematisch erforschte. Über Jahre hinweg bereiste er Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Slowakei und den Balkan, später sogar die Türkei und Algerien, und dokumentierte dabei mehr als 10.000 Melodien.

Gábor Káli & Budapest Festival Orchestra

Gleich zwei Abende widmet das Budapest Festival Orchestra am 25. und 26. März 2019 den Werken Bartóks in der Elbphilharmonie. Neben dem klangmächtigen Konzert für Orchester und der schaurigen Oper »Herzog Blaubarts Burg« – erklingen Volkslieder und Tänze, die Bartók auf seinen Reisen sammelte.

Zu den Konzerten:

25.März 2019
26. März 2019

Seine unglaublich aufwändige Recherche entsprang einer doppelten Motivation: Einerseits ging es ihm um nationale Selbstvergewisserung, schließlich befreite sich Ungarn damals allmählich aus der k. u. k. Monarchie und der mit ihr einhergehenden Dominanz deutsch-österreichischer Kultur. Andererseits suchte Bartók als Komponist nach Inspirationsquellen, um die festgefahrene Ästhetik der Spätromantik zu überwinden, die in immer kunstvolleren – Bartók fand: künstlicheren – Pirouetten um sich selbst kreiste.

Béla Bartók auf Forschungsreise in Siebebürgen
Béla Bartók auf Forschungsreise in Siebebürgen © István Kovács

Muskel-und-Knochen-Stil

Die naturbelassene Volksmusik dagegen liebte er gerade wegen ihrer Direktheit:

Die Bauernmusik weist in der Form höchste Vollendung und Mannigfaltigkeit auf. Erstaunlich ist ihre große Ausdruckskraft, die dabei völlig frei von Sentimentalität und überflüssigem Geschnörkel ist.

Béla Bartók

Aus ihren archaisch-rohen Melodien, Harmonien und Rhythmen schöpfte er die künstlerische Kraft, aus der klassischen Tradition auszubrechen und eine eigene Musik zu erfinden, die modern und  urwüchsig zugleich war. Bartók nannte es seinen »Muskel-und-Knochen-Stil«.

Bartók: Romanian Folk Dances (Aufnahme mit Béla Bartók am Klavier)

Fotografie um 1930

Bauernmusik? Zukunftsmusik!

Die Bedeutung von Bartóks Feldforschung für seine weitere Karriere als Komponist kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Einfluss der »Bauernmusik« macht sich in allen musikalischen Parametern bemerkbar, etwa in der oft eigenwilligen Rhythmik. Während in der Klassik sonst das Ideal eines eleganten, gleichmäßigen Pulses vorherrscht, setzt Bartók wahlweise eine knallige Polka mit derben Akzenten oder einen 5/8- oder 7/8-Takt, in dem sich Zweier- und Dreiergruppen abwechseln. Das Resultat sind rastlose Rhythmen, das genau deswegen einen ganz besonderen Groove entwickelt.

Bartók: Sechs Tänze in Bulgarischem Rhythmus

Béla Bartók, 1924

In der Harmonik schlagen sich vor allem die Pentatonik und die altertümlichen Kirchentonarten der ungarischen und rumänischen Folklore nieder. Bartók: »Das Studium all dieser Bauernmusik war deshalb von entscheidender Bedeutung für mich, weil sie mich auf die Möglichkeit einer vollständigen Emanzipation von der Alleinherrschaft des bisherigen Dur/Moll-Systems brachte.«

Bartók: Konzert für Orchester Sz 116 (1943)

Plädoyer für Vielfalt

Neben Bartóks musikalischer Entwicklung beförderte die ethnomusikalische Forschung aber noch eine andere Erkenntnis. Denn natürlich hätte die Verherrlichung »wahrer« nationaler Volksmusik auch schnell einen dunklen Touch bekommen können, so wie wenige Jahre später in Deutschland. Doch gegen diese Lesart verwahrte sich Bartók entschieden. Als in Europa der Rassenwahn tobte, schrieb er im US-amerikanischen Exil einen Text unter dem  ironischen Titel »Race Purity in Music« (Rassenreinheit in der Musik), in dem er den Ertrag seiner Forschungen auf den Punkt brachte:

Als Resultat einer ununterbrochenen wechselseitigen Beeinflussung zwischen den Musiken der verschiedenen Völker ergeben sich eine gewaltige Mannigfaltigkeit und ein riesiger Reichtum an Melodien und Melodietypen. Die ›rassische Unreinheit‹ ist entschieden zuträglich.

Béla Bartók

Sein künstlerisches Credo beschrieb er einmal so: »Meine eigentliche Idee ist die Verbrüderung der Völker trotz allem Krieg und Hader. Dieser Idee versuche ich in meiner Musik zu dienen, soweit meine Kräfte es gestatten. Deshalb entziehe ich mich keinem Einfluss, mag er slowakischer, rumänischer, arabischer oder sonst irgendeiner Quelle entstammen.« 1942 erhielt Béla Bartók die Ehrendoktorwürde der Columbia University als »international anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Volksmusik und Schöpfer eines musikalischen Stils, der einen der wichtigsten Beiträge zur Musik des 20. Jahrhunderts darstellt«.

Clemens Matuschek

zuletzt aktualisiert: 20.03.2019

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