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Beethovens Mammutkonzert

Die Zuschauer bibberten, die Musiker patzten, die Presse meckerte: ein legendärer Beethoven-Abend.

Es war das wohl legendärste Konzert der Musikgeschichte – und ein totales Desaster: Am 22. Dezember 1808 brachte Ludwig van Beethoven auf einen Schlag seine Sinfonien Nr. 5 und 6, sein Klavierkonzert Nr. 4 und die »Chorfantasie« zur Uraufführung (letztere eine Mischung aus Chor-/Orchesterstück und Klavierkonzert), außerdem erklangen Auszüge aus einer Messe und eine Konzertarie. Ein absolutes Mammutprogramm von etwa vier Stunden!

Gut, damals war so etwas prinzipiell üblich. Das Publikum erwartete bunt gemischte Programme. Und für einen Komponisten gab es keine andere Möglichkeit, seine neusten Werke vorzustellen, als eine solche »Akademie«. Dafür musste er auf eigene Kosten den Saal mieten, Musiker anheuern und das Marketing organisieren. Karten konnte man laut Konzertplakat bei ihm zu Hause im Wohnzimmer kaufen.

Thomas Hengelbrock über das Akademie-Konzert

Kein Geld für Brennholz

Allerdings gab es zwei Probleme. Erstens: die Jahreszeit. Zwei Tage vor Weihnachten war es bitterkalt, und der Komponist hatte nicht genug Geld, um Brennholz für die Heizöfen im Theater an der Wien zu kaufen. Als Folge zitterte sich das Publikum bei sibirischen Temperaturen in Pelzmäntel gehüllt durch den Abend. Und der zog sich. Eine Wahl hatte Beethoven beim Konzerttermin allerdings ohnehin nicht gehabt: Im heißen Sommer weilte sein überwiegend adeliges und/oder gut betuchtes Publikum auf Landsitzen außerhalb der stickigen Stadt, und im Herbst und Frühjahr waren die Säle und die Musiker mit Opernaufführungen belegt. Nur im Advent und in der Passionszeit durften keine Opern gespielt – Beethovens einzige Chance, Sinfoniekonzerte zu veranstalten.

Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven © Public domain

Konzertprogramm

  • Das vierstündige Originalprogramm vom 22.12.1808

    Ludwig van Beethoven

    Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale«

    Ah perfido! / Arie für Sopran und Orchester op. 65

    Gloria / aus: Messe C-Dur op. 86

    Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58

    - Pause -

    Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

    Sanctus / aus: Messe C-Dur op. 86 für Soli, Chor und Orchester

    Freie Klavier-Improvisation

    Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c-Moll op. 80

Peinliche Fehler

Zweites Problem: die Probenzeit. Wie üblich arbeitete Beethoven buchstäblich bis zu letzten Minute an seinen Stücken. Außerdem mussten aus seiner Originalpartitur noch alle Einzelstimmen für Instrumentalisten und Chorsänger herausgeschrieben und vervielfältigt werden. Heute gibt es dafür Fotokopierer, damals (menschliche) »Kopisten«. Jedenfalls reichte die Zeit nicht, und die Chorfantasie wurde praktisch ohne Probe vom Blatt gespielt. Die Folge: Im Konzert wiederholte Beethoven als Solist am Klavier einen Abschnitt, die Orchestermusiker spielten weiter. Konfusion brach aus, man musste abbrechen und das Stück von vorne beginnen. Peinlich, peinlich.

Presse-Fazit: Mangelhaft

Entsprechend fiel die Rezension der Allgemeinen Musikalischen Zeitung aus, einem bedeutenden Branchenblatt: »Unter den musikalischen Akademien, die während der Christwoche gegeben wurden, ist unstreitig die, welche Beethoven am 22. Dezember im Theater an der Wien gab, die merkwürdigste. All die vielen aufgeführten Stücke zu beurteilen, ist nach erstem und einmaligem Anhören geradezu unmöglich, besonders da die Rede von Beethoven‘schen Werken ist, die meistens groß und lang sind. Was die musikalische Ausführung der Akademie betrifft, so war sie in jedem Betracht mangelhaft zu nennen.«

Neuaufnahme des Konzerts

Zum Auftakt des Beethoven-Jahres, in dem sein 250. Geburtstag gefeiert wird, rekonstruieren Thomas Hengelbrock und seine grandiosen Balthasar-Neumann-Ensembles dieses denkwürdige Konzert nun in der originalgetreuen Abfolge – und sicher auf einem deutlich höheren musikalischen Niveau. Dabei nutzen sie authentische historische Spieltechniken und Instrumente, unter anderem ein Hammerklavier. Man erlebt also tatsächlich eine Art musikalische Zeitreise ins Jahr 1808. Mit einem nicht zu verachtenden Vorteil: Die Laeiszhalle ist beheizt.

Text: Clemens Matuschek, Stand: 12.12.2019

Titelbild: Theater an der Wien © Karl Wenzel Zajicek

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