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Beethoven in Indien

Die Pianistin Shani Diluka über ihr visionäres Musikprojekt »Cosmos«.

Wer kann schon von sich behaupten, die eigene Karriere mit der legendären Grace Kelly begonnen zu haben? Shani Diluka wurde als Sechsjährige von der Fürstin Gracia Patricia ausgewählt, an einem speziellen Programm für Musiktalente teilzunehmen. Was dann folgte, war zunächst der ganz normale Weg einer sehr begabten Pianistin: Konservatorium, Auszeichnungen, gefeiertes Debütalbum, erfolgreiche Folge-Alben. Vor ungefähr zehn Jahren allerdings machte Shani etwas anders: Sie kombinierte Musik aus Welten, die vermeintlich so gar nichts miteinander zu haben – klassische indische und europäische Musik.

Lux aeterna

Shani Diluka spielt im Rahmen von »Lux aeterna«, dem »Musikfest für die Seele«, das vom 3. bis 27. Februar mit wärmenden Klängen dem Hamburger Nieselwetter entrückt.

Zum Programm

Klassische indische und Beethoven’sche Musik sind sich – philosophisch betrachtet – unheimlich ähnlich.

Shani Diluka

Auch im Rahmen des Festivals »Lux aeterna« kombiniert Shani Diluka nun Musik aus verschiedenen Welten. Gemeinsam mit zwei exzellenten indischen Musikern – Sahana Banerjee an der Langhalslaute Sitar und Prabhu Edouard an den Tabla-Trommeln – entwickelte sie das Programm »Cosmos«, bei dem im Wechsel Sonaten Ludwig van Beethovens und indische Ragas, klassische indische Musik, erklingen.

Kurz erklärt

  • Was sind indische Ragas?

    Die klassische indische Musik fußt auf sogenannten »Ragas«. Jedes Raga hat seine eigene Tonleiter und eine darauf basierende melodische Struktur sowie einen bestimmten Rhythmus (Tala). Dies gibt den Rahmen für Improvisationen vor. Ragas gibt es für jede Tages- und Nachtzeit, für Jahreszeiten und Emotionen.

Eine Verbindung zu sich selbst finden, zum restlichen Publikum und zum Universum

Shani Diluka

Im Interview: Shani Diluka

Wie entstand das Projekt »Cosmos«?

Beethoven war bekanntermaßen unermüdlich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Er interessierte sich für Astronomie, Philosophie, Politik und Geschichte. In der Literatur über seine Aufzeichnungen stieß ich auf wissenschaftliche Untersuchungen aus dem 19. Jahrhundert von Alexander Wheelock Thayer. Der Wissenschaftler dokumentierte ein heute verschollenes Manuskript, in dem Beethoven aus den Upanishaden zitiert, einer Sammlung hinduistischer philosophischer Schriften.

Beethoven nennt zum Beispiel Brahma, einen der Hauptgötter des Hinduismus: »Er, der Mächtige, ist in jedem Teil des Weltalls gegenwärtig.« Ich war ziemlich baff, dass sich bislang niemand musikalisch mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. In einem seiner Zitate, so schreibt Thayer, habe Beethoven besondere Wörter unterstrichen: Sonne, Mensch, Kosmos. Mir war sofort klar, dass ich daraus etwas entwickeln möchte.

Projekt »Cosmos«: Beethoven trifft indische Ragas

Sahana Banerjee

Beethoven war unermüdlich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. In seinen Aufzeichnungen finden sich Zitate aus den Upanishaden, indischen philosophischen Schriften.

Shani Diluka

Indische und europäische Klassik verbindet auf den ersten Blick nicht viel. Gibt es Schnittmengen?

Ja! Ich würde sogar sagen, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. In der Kunst existiert ja das Konzept des Goldenen Schnitts. Diese Einteilung findet man sowohl in indischen Ragas als auch in Sonaten Beethovens. Außerdem setzte Beethoven das Pedal wie kein anderer Komponist vor oder nach ihm ein. Das Pedal wird teils über lange Strecken durchgetreten. So klingen viele Töne auf einmal; man erreicht Schwingungen, die den Vierteltönen auf einer Sitar ziemlich ähnlich sind. Dazu verwendet er Motive, die sich ein ganzes Stück hindurch entwickeln. Bei der »Mondscheinsonate« sind es beispielsweise die Quarte und die Terz zu Beginn des ersten Satzes. Und auch Ragas verwenden kurze Motive, um Improvisationen daraus zu entwickeln.

Natürlich sind die indische und europäische Tonsprache an sich verschieden. In der indischen Musik gibt es Mikrotöne, die in der temperierten klassischen Musik gar nicht vorkommen. Aber betrachtet man das große Ganze, sind das nur Kleinigkeiten.

Beethoven erreichte durch das gedrückte Pedal musikalische Schwingungen, die den Vierteltönen auf der indischen Sitar ähnlich sind.

Shani Diluka

Im Programm »Cosmos« stellen Sie indischen Ragas zwei Sonaten von Beethoven gegenüber: die »Mondscheinsonate« und die »Appassionata«. Warum genau diese beiden?

Ich wollte mich mit diesem Projekt an die tiefen Fragen der Menschheit wagen. An der »Mondscheinsonate« liebe ich die Verbindung zur Natur, zum Lauf der Zeit. Und die »Appassionata« ist für mich eines der wichtigsten Werke Beethovens. Es ist die letzte Sonate, bevor er mit den späten Sonaten in ganz andere Sphären abtauchte. Kurz zuvor hatte er im sogenannten »Heiligenstädter Testament« an seine Brüder geschrieben, wie sehr ihn seine fortschreitende Taubheit belastete. Und ich finde, diese Verzweiflung hört man der Sonate an. Sie klingt wie eine Unterhaltung mit Gott, Beethoven fragt oben nach, wie er weitermachen soll.

Kurz erklärt

  • Die »Mondscheinsonate«

    Nicht Beethoven, sondern der Dichter Ludwig Rellstab verpasste der »Mondscheinsonate« ihren poetischen Beinamen. Sie erinnerte ihn an eine nächtliche Bootsfahrt über den Vierwaldstättersee. Dabei hatte Beethoven anderes im Sinn. Mit dem Werk unterlief er die seiner Meinung nach überholte Sonatentradition: Anstelle eines schnellen ersten Satzes setzte er einen langsamen, verarbeitete die Themen frei und ließ auch die gebräuchliche Sonatensatzform links liegen. Das Stilexperiment glückte: Heute ist die Sonate ein Publikumsliebling – weit über die Klassikszene hinaus.

Shani Diluka
Shani Diluka © Balazs Borocz

Und was kennzeichnet die Ragas, mit denen die beiden Sonaten kombiniert werden?

Sahana und Prabhu haben mir unterschiedliche Ragas vorgespielt, sie kennen sich viel besser in dem riesigen Repertoire aus. Sie achteten beispielsweise auf ähnliche Tonarten,
denn die haben bei Beethoven immer eine Bedeutung. Für die »Mondscheinsonate« haben wir einen Raga ausgesucht, der eng mit Nacht, Zeit und Natur verbunden ist. Und die »Appassionata« hat einen Raga bekommen, der schon allein durch die besondere Rhythmik perfekt zum ruhelosen Ton der Sonate passt. In der zweiten Hälfte spielen wir am Ende sogar alle zusammen, das ist sehr intensiv.

Ich wollte mit dem Projekt ran an die großen Fragen der Menschheit.

Shani Diluka

Sie haben das Projekt schon in Indien und Bangladesch aufgeführt. Wie kam es dort an? Und: Mit welchen Reaktionen rechnen Sie hier in Hamburg?

Hier? Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung! Ich weiß nur, dass in Indien Menschen im Publikum saßen, die noch nie ein Werk von Beethoven gehört hatten. Und sie haben die Musik sofort verstanden. Ich glaube, dass es den Zuhörern hier in Hamburg andersherum mit den Ragas genauso gehen könnte.

Das schönste Kompliment nach dem Konzert wäre, wenn jemand sagen würde, während des Konzerts eine spirituelle Reise erlebt zu haben. Eine Verbindung zu sich selbst, zum restlichen Publikum und zum Universum gefunden zu haben. Was für eine schöne Vorstellung!

Interview: Renske Steen

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