Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Ausweitung der Gesangszone

Die Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan im Porträt.

Diese Frau ist das mythische Geschöpf der Moderne schlechthin: Alban Bergs Opernheldin »Lulu« ist Verführerin, Liebhaberin, Todesbringerin, Todesempfängerin, eine von Gewalt umkreiste Naturgewalt. Sie verkörpert die Unheil bringende Pandora; Eva, die Urahnin der Menschheit; Mignon, das fragil-ätherisches Wesen aus dem Nichts; Helena, derentwegen eine Welt zugrunde ging. Kurzum, Lulu ist, wie sie selbst singt: »Weib und nichts als Weib.«

Anfang März 2017, bei der Premiere von Christoph Marthalers Neuinszenierung an der Hamburgischen Staatsoper, war auf einmal eine neue Lulu zu sehen: Diese Lulu tanzte und turnte am Körperband des Akrobaten und flog durch die Luft wie eine Trapezkünstlerin im Zirkus oder wie eine Eiskunstläuferin, die von ihrem Partner Richtung Himmel geworfen wird und gleich darauf um seine Hüften herumschlingert. Absurd waren die Verrenkungen dieser Lulu, atemraubend virtuos, sogar gefährlich, am Rande des Erlaubten. Nein, keine Sängerin der Welt würde so etwas tun. – Nun ja, eine schon: Barbara Hannigan.

Keine Sängerin der Welt würde so etwas tun. – Nun ja, eine schon.

Barbara Hannigan als »Lulu« an der Hamburgischen Staatsoper

»Am Rande des Erlaubten«

Barbara Hannigan als Lulu an der Hamburgischen Staatsoper.

Play Video

Grenzenlos neugierig

Barbara Hannigan hatte in ihrem Künstlerinnenleben schon zuvor so einiges auf die Bühne gezaubert. Es war bekannt, dass sie zu den flexiblesten Interpretinnen der Szene zählt. Aber hier in Hamburg, in Marthalers genialer Neudeutung von Alban Bergs (unvollendeter) Oper, setzte sie noch eins drauf. Ihre Lulu war plötzlich Kind, biegsame Frau, stets beides. Dass sie dabei überhaupt noch singen konnte, war an sich schon staunenswert. Doch die Leichtigkeit, mit der sie die schwierige Partie meisterte, überstieg jede Erwartung, die man mit dieser Rolle verbindet.

Barbara Hannigan als »Lulu« an der Hamburgischen Staatsoper

Sucht man nach einem Begriff, der das Selbstverständnis dieser Sängerin und Dirigentin zum Ausdruck bringt, kommt man ihr damit sehr nahe: Hannigan ist grenzenlos neugierig. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, die über das hinausgehen, was der Betrieb für gewöhnlich zu bieten hat. Es sei, hat sie einmal gesagt, »viel besser, frei zu sein und dabei Fehler zu begehen, als die Kontrolle behalten zu wollen«.

Lieber frei sein und dabei Fehler begehen, als die Kontrolle behalten wollen

Barbara Hannigan

Schon zu Beginn ihrer Karriere legte die kanadische Sängerin den Fokus auf die zeitgenössische Musik. Belcanto hat sie nie sonderlich interessiert, auch im Barock fühlte und fühlt sie sich kaum zu Hause – dafür umso mehr in jener Musik, die das Expressive neu definiert, neu kontextualisiert, zuweilen dekonstruiert: in der Musik des 20. und 21.  Jahrhunderts.

Und siehe da, das Wunder geschah: Mit einem Mal hörten Menschen dieser unerhörten Materie mit einer anderen Aufmerksamkeit zu, einfach deswegen, weil es so natürlich erschien, was da geboten wurde. Und wie es geboten wurde: so selbstverständlich, so schön und irgendwie sexy.

Bei Hannigan klingt die Moderne so selbstverständlich, so schön und irgendwie sexy.

Barbara Hannigan
  • Barbara Hannigan ist auf den wichtigsten Bühnen der Welt gleichermaßen als Sängerin und als Dirigentin führender Orchester aktiv.
  • Ihr Engagement für zeitgenössische Musik hat zu einer umfangreichen Partnerschaft mit Komponisten wie Pierre Boulez, Henri Dutilleux, György Ligeti, Karlheinz Stockhausen und Salvatore Sciarrino geführt.
  • Für ihre zahlreichen Aufnahmen erhielt sie Preise der Royal Philharmonic Society, bei den Victoires de la Musique sowie den Gramophone und Edison Award. 2013 wurde sie von der Zeitschrift Opernwelt als Sängerin des Jahres ausgezeichnet.
  • Die vielbeachteten Opernauftritte von Hannigan umfassen die Mélisande in Debussys »Pelléas et Mélisande« sowie die Titelrolle in Alban Bergs »Lulu«, die sie 2012 in Brüssel und jüngst in Christoph Marthalers Neuproduktion an der Staatsoper Hamburg sang.
  • Barbara Hannigan stammt aus Nova Scotia, dem östlichsten Bundesstaat Kanadas. Sie studierte in Toronto, Banff und Den Haag. Heute lebt sie überwiegend in Amsterdam.

Es gibt keine Partitur, die ihr technisch zu schwieirig wäre.

Ausweitung der Gesangszone

Hannigan profitierte dabei von zwei Dingen: Es gibt keine Partitur, die ihr technisch zu schwierig wäre, und sie kennt keine ästhetische Scheu. Und irgendwann merkte sie bei ihrer Arbeit auf der Bühne, dass es da noch einen anderen Platz gibt, der sie interessiert: das Dirigentenpult – als Ausweitung der Gesangszone sozusagen.

Irgendwann genügte es der ehrgeizigen Künstlerin, die Disziplin zu ihren herausragenden Eigenschaften zählt, eben nicht mehr, »nur« als Sängerin auf der Bühne zu stehen. Sie wollte mehr. Und sie spürte, dass es da keine Barriere gab, dass sie, wenn sie da vorn stand, sofort akzeptiert wurde.

Zahlreiche zeitgenössische Komponisten hat das nachhaltig inspiriert. Um nur einige zu nennen:Hans Abrahamsen, Gerald Barry, Magnus Lindberg und Unsuk Chin haben Werke eigens für Hannigan komponiert, ebenso wie jüngst Salvatore Sciarrino, dessen »La nuova Euridice secondo Rilke« sie in der Elbphilharmonie zur deutschen Erstaufführung brachte.

Ein Komponist ragt für Hannigan heraus: György Ligeti

Mysteries of the Macabre

Barbara Hannigan

Ein Komponist jedoch ragt für Hannigan dann doch etwas heraus: György Ligeti, dessen Oeuvre für sie einen Fixstern bedeutet, insbesondere das Stück »Mysteries of the Macabre« aus der Oper »Le Grand Macabre«. Ungezählte Male hat sie diese absurd-verrückte Pièce aufgeführt, und das in dreifacher Personalunion als (vermeintliche) Dirigentin, Sängerin und Comedien.

Frei ist nur derjenige, der bestens vorbereitet ist

Was so leicht wirkt, bedeutet für die Interpretin härteste Arbeit, wie sie freimütig bekennt: »Es ist eines der schwierigsten Stücke, die ich in meinem Repertoire habe. Ich habe es gelernt wie eine Konzertarie von Mozart. Es ist ein Stück über einen Kontrollfreak. Und wie hat Pierre Boulez einmal gesagt: ›Man kann nicht spontan sein, wenn man nicht zu hundert Prozent auf diese Spontaneität vorbereitet ist.‹ Mit anderen Worten: Frei ist nur derjenige, der bestens vorbereitet ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Boulez absolut recht hat.«

Text: Jürgen Otten

Elbphilharmonie Magazin / Ausgabe 3

Den kompletten Artikel gibtʼs im aktuellen Elbphilharmonie Magazin.

Hier online bestellen

Weitere Artikel