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Alles in bester Ordnung

Wie kam es zu Stockhausens organisierter Musik?

Karlheinz Stockhausen (1928-2007)

  • Gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts
  • Geboren in Kerpen bei Köln
  • Vater: Volksschullehrer, fiel 2. Weltkrieg
  • Mutter: wurde 1941 Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde
  • Begann, ermuntert von Hermann Hesse, zunächst als Dichter
  • Studierte in Köln Klavier, Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie

Der Komponist Karlheinz Stockhausen polarisiert. Während die einen seinen Werken mit Unverständnis begegnen, bewundern die anderen die Neuartigkeit seiner Kompositionen. Von Tangerine Dream über die Beatles bis zu Björk bekennen sich zahlreiche Musiker zum Einfluss seiner Musik auf ihre Kunst und sehen ihn als absoluten Pionier der elektronischen Musik. Aber was war in der Musik des 20. Jahrhunderts passiert, als Stockhausen mit seinen streng organisierten und aufwändig gestalteten Kompositionen die Bühne betrat?

Großes Sortiment der Stile

Geprägt ist die Musik des 20. Jahrhunderts vor allem dadurch, dass sich verschiedenste Richtungen parallel entwickelten und nebeneinander existierten. Die Komponisten der Spätromantik, wie Sergej Rachmaninow, Jean Sibelius, Edward Elgar, Richard Strauss und Gustav Mahler, waren gerade noch dabei, die bis dahin bekannte Tonalität (das harmonische Prinzip von Dur und Moll) bis an ihre Grenzen auszudehnen. Gleichzeitig rückte der Impressionismus bei Claude Debussy oder Maurice Ravel Musik in den Vordergrund, in der es vor allem um die Atmosphäre eines Augenblickes geht.

Claude Debussy: La Mer

Unter der Welle im Meer vor Kanagawa

Stockhausen beim 3. Internationalen Musikfest Hamburg

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Parallel dazu vereinte die expressionistische Musik extreme Kontraste in Tonlagen und Lautstärken, freie Rhythmik und neuartige Instrumentation, um große Leidenschaft und den Ausdruck des Inneren zu vermitteln. Zum Teil wurde die Tonalität hier schon komplett aufgelöst. An ihre Stelle traten andere Ordnungssysteme, wie die Zwölftontechnik von Arnold Schönberg – eine Methode des Komponierens, bei der alle zwölf Halbtöne gleichberechtigt vorkommen und sich nur auf sich selbst statt auf eine übergeordnete Tonart beziehen.

Arnold Schönberg: Variationen für Orchester, Op.31

Porträt: Arnold Schönberg

Gleichzeitig gab es Komponisten wie Béla Bartók, Igor Strawinsky, Dimitri Schostakowitsch und Sergej Prokofiev, die die klassische Ästhetik und Tonalität noch nicht ganz aufgeben wollen: Im Neoklassizimus kehrten sie zurück zu alten Gattungen und Formen, die sie in neuem Kontext verwendeten.

Sergej Prokofiev: Sinfonie Nr.1 »Classical«

Sergej Prokofiev

Die Musik des 20. Jahrhunderts

  • Spätromantik (ca. 1860-1910)
  • Impressionismus (ca. 1890-1920)
  • Expressionismus (ca. 1906-1914)
  • Neoklassizismus (ab ca. 1920)
  • Wiener Schule (Moderne) / Zwölftonmusik (ab ca. 1920)
  • Serielle und elektronische Musik (ab ca. 1948) --> Stockhausen

Ausgehend von der systematischen Zwölftontechnik, wie sie Arnold Schönberg und seine Schüler geprägt hatten, unterwarf Karlheinz Stockhausen schließlich nicht nur die Melodie, sondern alle musikalischen Parameter einer reihentechnischen Organisation (serielle Musik). Indem zum Beispiel auch Tondauer, Tonhöhe und Lautstärke auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufgebaut wurden, sollte eine besonders klare Musik entstehen, die frei ist von Redundanz, Unbestimmtheit und Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks.

Parallel dazu begann er, vermehrt elektronische Instrumente in seinen Kompositionen zu verwenden. Und auch die Art der Notation (Schreibweise der Noten) veränderte er. Stockhausen verzichtete teilweise gänzlich auf eine Notation mit Tonhöhe und Tonlänge und notierte die Musik stattdessen bildhaft.

Partitur / Studie 1
Partitur / Studie 1 © www.karlheinzstockhausen.org

Karlheinz Stockhausen: Studie 1 (1953)

Karlheinz Stockhausen

Karlheinz Stockhausen: Donnerstag aus »Licht«

»Licht« ist ein siebenteiliger Opernzyklus, den Stockhausen zwischen 1977 und 2003 komponierte. In seiner Gesamtheit wurde das insgesamt 29 Stunden Musik umfassende Werk »Licht« noch nie aufgeführt.

Bewunderer in der Popmusik

Zu Stockhausens Bewunderern gehörten in den 70er Jahren unter anderem die Berliner New Age-Elektroniker Tangerine Dream, die mit Geräuschen – etwa von Peitschen und Pergamentpapier – und mit freien Strukturen, später auch mit Synthesizern und anderen elektronischen Instrumenten arbeiteten.

Außerdem ließen sich das Düsseldorfer Synthie-Pop-Kollektiv Kraftwerk und die Kölner Krautrock-Urgesteine Can von Stockhausens Musik und seinen Techniken beeinflussen. Letztere arbeiteten unter anderem mit einem von Stockhausen inspirierten Montage-Verfahren, quasi als Vorreiter der späteren »Schnipsel-Elektroniker«

Auch die Beatles beschäftigten sich mit der Musik Stockhausens und veröffentlichten das experimentelle Stück Revolution #9 auf ihrem Weißen Album.

The Beatles

Bis heute gilt die isländische Sängerin Björk als großer Fan von Karlheinz Stockhausen. Der Zeitung The Guardian sagte sie einmal: »Für mich war Stockhausen einer der Pioniere, der ganz neuen musikalischen Boden betrat: den elektronischen Bereich mit einer sehr spezifischen Ästhetik und einem eigenen organischen Innenraum. (…) Indem Karlheinz Elektrizität in Klang verwandelte, zeigte er uns allen, dass er eine Sonne zum Leuchten brachte, die immer noch scheint und dies noch lange tun wird.«

Björk: Homogenic (Album)

Björk / Homogenic

Stockhausen beim 3. Internationalen Musikfest Hamburg

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Text: Julia Mahns

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