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5 Fragen an Pan Daijing

Kurz vor ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie hat uns die chinesische Performancekünstlerin ein paar Fragen beantwortet.

Zwischen Elektro und Avantgarde, zwischen roher Noise-Musik und sinnlich-intuitiver Performance schweben die audiovisuellen Gesamtkunstwerke Pan Daijings, die mittlerweile ein Publikum von Shanghai bis Montreal elektrisieren.

Seit jeher habe ich das Gefühl, dass ein kleines Monster in mir lebt. Jetzt habe ich einen Weg gefunden, es herauszulassen.

Pan Daijing

Zur Late Night am Eröffnungsabend der »Elektronauten« am 15. Juni bringt Pan Daijing, die mittlerweile in Berlin lebt, unter anderem ihre audiovisuelle Show »Fist Piece« mit. Tanz, Bilder und Musik verschmelzen darin zu einer Feier des Weiblichen.

Das Festival Elektronauten

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5 Fragen an Pan Daijing (Musikerin)

Dein Lebenslauf klingt schon ein bisschen verrückt: Du bist in China aufgewachsen, hast dort Rechnungswesen studiert und lebst jetzt als Performance-Künstlerin in Berlin. Wie kam es dazu?

Ich finde an meinem Lebenslauf nichts Verrückteres als bei anderen Menschen, mit denen ich groß geworden bin. China scheint zwar weit entfernt zu sein, aber jeder macht seine persönlichen Erfahrungen, egal wo er aufwächst. In einem Schloss aufzuwachsen ist nicht unbedingt angenehmer als in einem Zoo. Ich habe verschiedene Dinge studiert und das Bildungswesen in China ist eine komplett andere Angelegenheit, verglichen mit dem Rest der Welt. Kurz gesagt, es gibt die unterschiedlichsten Wege, etwas zu lernen, wovon die Schule nur einer ist. Ich will auf jeden Fall mein ganzes Leben lang lernen.

Die Bühne bedeutet für mich totale Freiheit.

Pan Daijing

Du beschreibst dein Debüt LACK als eine Art Oper in Albumform. Generell vermischen sich in vielen deiner Werke Klänge mit visuellen und performativen Elementen. Was fasziniert dich an diesem Wechselspiel zwischen Musik und Performance?

Diese beiden Dinge gehen für mich Hand in Hand. Ich glaube, ich bin eine sehr visuelle Person, aber meinen Ausdruck finde ich immer durch eine klangliche Herangehensweise. Musik zu komponieren bedeutet für mich, ein Stück zu schreiben. Das kann viele Formen annehmen, nicht nur Sound – man könnte ganze Dramen in Stille erzählen, nur mit Gesten.
Der Begriff »Oper« umfasst für mich eine Art geistigen Zustand – das Gefühl, überschwemmt oder überfallen zu werden, sich vollkommen verstanden und umarmt zu fühlen. Ich will dann nicht zu viel nachdenken und die Schönheit dieses Moments zerstören. Deswegen ist die Bühne für mich der sicherste Platz; hier finde ich totale Freiheit.

Pan Daijing
Pan Daijing

In einem Artikel zu deinem Album hat das Pitchfork-Magazin geschrieben, dass Du in Deiner Musik die »Produktion von Noise mit einer wahrhaft physischen Aufopferung verbindest«. Diese enge Verbindung zwischen künstlichen elektronischen Geräuschen und einer expliziten Körperlichkeit findet sich in sehr vielen deiner Werke. Kannst du beschreiben, was diese beiden Gegenpole – Künstlichkeit und reale Präsenz – für dich ausmachen?

Ich vermute, dass Du damit eine gewisse Verletzlichkeit ansprichst. Ich kreiere eine künstliche Umgebung durch Sound und meine physische Präsenz. Wir befinden uns immer in solch einer Umgebung, ob wir wollen oder nicht. Und wir erschaffen gleichzeitig selbst eine solche Umgebung um uns herum, bewusst oder unbewusst. So betrachte ich diese Pole – sie entstehen aus mir selbst heraus und aus dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Bei meinen Performances bin ich also zur selben Zeit Filter und Verbindung, Zuschauer und Schauspieler. Diese Gegenpole sind für mich also unausweichlich.

In der Elbphilharmonie präsentierst du »Fist Piece« – ein Stück, dass du als eine  »Feier der unabhängigen Weiblichkeit« beschreibst. Auch wenn man die elektronische Musikszene von außen als sehr offen wahrnimmt, gibt es immer wieder Vorfälle, in denen sexistische Aussagen gegenüber den Qualitäten von Frauen als DJs oder Produzenten gemacht werden. Wie gehst du solche Probleme in deinem Stück an?

Ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen mein Geschlecht, meine Herkunft und meinen Lebenslauf ignorieren und einfach nur zuhören, zuschauen, erleben und jegliche Vorurteile außen vor lassen. Ich weiß, dass das sehr viel verlangt ist.

Ich glaube, viele Leute sind heutzutage überfordert und fangen an, andere Menschen in Schubladen zu stecken. Das ist meiner Meinung nach nicht der richtige Weg. Ich selbst sehe mich nicht als Frau in der Musikszene, sondern einfach als weibliches Wesen. Was ich sagen möchte, sage ich in meiner Kunst – dazu brauche ich keine politischen Klischees.

Bei meinen Performances bin ich gleichzeitg Filter und Verbindung, Zuschauer und Schauspieler.

Pan Daijing

Das Elektronauten-Festival beschäftigt sich mit den Pionieren der elektronischen Musik. Du kommst auch aus der elektronischen Szene, bist aber trotzdem ein kleiner Exot im Line-Up des Festivals. Das liegt vor allem daran, dass es bei dir nicht hauptsächlich um Synthesizer geht, sondern auch darum, wie man die Möglichkeiten der elektronischen Musik heutzutage weiter ausbauen kann. Siehst du dich trotzdem als eine Art Nachfahrin dieser elektronischen Pioniere?

Zunächst: Ich fühle mich wirklich geehrt, dass ich die Chance habe, meine Arbeit in so einer tollen Location präsentieren zu können. Danke für die Einladung.

Ich versteife mich nicht darauf, zu verstehen, wie ich meine Sounds erschaffe, sondern ich versuche lieber neue Wege zu finden und weiterzuentwickeln. Natürlich mache ich elektronische Musik. Ich nutze auch Buchla, PPG und viele klassische Synthesizer und verehre diese Technik auch bis zu einem bestimmten Level. Keine meiner Arbeiten würde ohne diese Maschinen existieren. Aber ich versuche, mir eine gewisse Freiheit zu bewahren, welche Dinge ich für meine Stücke nutze.

Wenn ein Spielzeug den Sound produziert, den ich suche, dann nehme ich stattdessen dieses mit auf die Bühne. Deshalb sehe ich mich auch nicht als eine Art moderne Pionierin elektronischer Musik. Meine Kunst soll immer aus einem eigenen, komplett unabhängigen Ort entstehen. Auf dem großen Berg der Menschheitsgeschichte existiere ich nicht, da existieren auch die alten Pioniere nicht. Wir sind alle nur eine flüchtige Erscheinung im großen Ganzen.

Interview: Julian Bäder

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