Zum Inhalt springen

Blog & Streams

5 Fragen an: Blick Bassy

Mit samtweicher Stimme für die Unabhängigkeit: Der kamerunische Singer-Songwriter Blick Bassy.

Wir haben es verpasst, uns wieder mit unserer Geschichte zu verbinden.

Blick Bassy

Ihr neues Album »1958« ist eine Hommage an den kamerunischen Unabhängigkeitskämpfer Ruben Um Nyobé, der in jenem Jahr von französischen Kolonialtruppen erschossen wurde. Was war Ihre Motivation für das Album?

Wenn man sieht, was heute in unserem Land passiert, dann merkt man, dass wir eine wichtige Etappe verpasst haben: Uns selbst wieder mit unserer Geschichte, unseren Werten zu verbinden. In Kamerun und in anderen afrikanischen Ländern werden Nationen auf fremden Strukturen gebaut, die nichts mit dem Ökosystem vor Ort zu tun haben. Die Struktur wurde uns auferlegt. Sie bestimmt das Modell unserer Ökonomie, Bildung, Politik, Kultur – aber sie hat nichts mit unseren Bedürfnissen zu tun. Es schien mir offensichtlich, Inspiration bei denen zu suchen, die ihr Leben für die Unabhängigkeit unseres Landes gegeben haben.

Blick Bassy: Woñi

Blick Bassy

Kann Musik politische Veränderungen vorantreiben?

Um Nyobe sagte: Alles ist Politik und die Politik berührt jeden Bereich. Daher gehen wir ja auch wählen. Aber was ist nach der Wahl? Da hört unsere Verantwortung als Bürger nicht auf. Ich glaube, dass jedes Handeln und auch jedes Nicht-Handeln politisch ist, denn beides hat Einfluss auf unser Umfeld.

Ihre Texte handeln von ernsten Themen, von Unterdrückung, Bevormundung, Eitelkeit, doch die Musik dazu klingt ganz sanft. Ein Widerspruch?

Nein, ich glaube es ist die beste Art, diese Themen anzusprechen, wenn man gehört werden will. Wer genervt ist oder wütend, und dann anfängt zu schreien, dem wird sein Gegenüber nicht zuhören. Man muss die Wut verziehen lassen und dann den Dialog beginnen, auf ruhige Art.

Blick Bassy
Blick Bassy © Justice Mukheli

Wer anfängt zu schreien, dem wird sein Gegenüber nicht zuhören.

Blick Bassy

Blick Bassy: 1958

Jetzt reinhören

Sie singen hauptsächlich auf Bassa, einer der unzähligen Sprachen Kameruns. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Muttersprachen der Kameruner werden gegenüber den kolonialen Sprachen, Englisch und Französisch, immer noch stigmatisiert, als Dialekte bezeichnet, in die hinterste Ecke des Schranks gepackt, zusammen mit den ganzen Traditionen, die sie in sich tragen. Ich glaube es ist wichtig, von diesen Sprachen auszugehen, um unseren Kontinent wiederaufzubauen.

Sie haben in Paris gelebt und sind dann in ein kleines Dörfchen nahe Calais gezogen. Wieso das?

Haha, ja ich bin ein »Country Man«. Ich brauche die Verbindung zur Erde, um etwas zu erschaffen, um mich zu entspannen. Ich muss die Natur beobachten, zuhören. Deswegen habe ich Paris verlassen, habe erst in einem Dörfchen im Norden gelebt, jetzt im Südwesten, wieder in einem kleinen Dorf. Für meinen Ruhestand stelle ich mir vor, dass ich nach Kamerun, nach Mintaba, ins Dorf meiner Kindheit zurückkehre. Dort werde ich eine kleine neue Welt erschaffen, die meiner Gedanken, in der der Mensch und alle anderen Lebewesen der Erde gleichwertig zusammenleben.

Interview: Anastasia Pässler (Stand: 24.03.2020)

Weitere Beiträge