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5 Fakten zu Venedigs Musikgeschichte

Venedig gilt als bedeutendes Zentrum der europäischen Musikgeschichte – aber warum eigentlich?

Bis weit in die Renaissance zurück reicht die beeindruckend ereignisreiche Musikgeschichte der Stadt Venedig. Mehr noch: Sie prägte über Jahrhunderte die gesamteuropäische Musiktradition.

1. Die Erfindung des Notendrucks

Nach Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg im Jahre 1450 fingen auch die Notenschreiber an, diese Technik in ihr Metier zu übertragen und druckten nach gestochenen oder geschnittenen Vorlagen aus Holz und Metall. 1498 erfand der Venezianer und Buchdrucker Ottaviano Petrucci (1466–1539) den Notendruck mit beweglichen Lettern – ein Prinzip, das zu diesem Zeitpunkt auch im Buchdruck bereits üblich war (mithilfe von Gutenbergs Handgießinstrumentließen sich einzelne und dabei maßgenaue Lettern und Zeichen in großer Zahl herstellen). Die Übertragung des Verfahrens auf den Notendruck jedenfalls machte Petrucci zum ersten bedeutenden Musikverleger und Venedig für die folgenden Jahrzehnte zum europäischen Zentrum des Notendrucks.

Ausschnitt aus dem Druck eines Liedes von Thomas Ravenscroft mit beweglichen Lettern von 1609
Ausschnitt aus dem Druck eines Liedes von Thomas Ravenscroft mit beweglichen Lettern von 1609

Osterfestival »Venedig«

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2. Venedigs Musikschulen

Ospedale della Pietà
Ospedale della Pietà

Einen bedeutenden Beitrag zum Musikleben Venedigs leisteten seit Ende des 16. Jahrhunderts die Ensembles der vier großen Heime für Waisenmädchen (Ospedali Grandi). Die dort gegründeten Mädchenchöre und -orchester (Cori) wurden von renommierten Chorleitern, Gesangs- und Instrumentallehrern unterrichtet und waren europaweit für ihre Virtuosität berühmt. Neben der Mitgestaltung von Gottesdiensten und Staatsakten gaben sie regelmäßig Sonn- und Feiertagskonzerte und waren eine Attraktion für Musiker und Reisende.

Chiesa della Pietà, Venedig
Chiesa della Pietà, Venedig © Moonik - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23988397

Am Ospedale della Pietà erteilte der berühmte italienische Komponist Antonio Vivaldi (1678–1741)von 1703–38 (mit Unterbrechungen) Instrumentalunterricht für Violine, Violoncello und Viola d’amore und leitete das dortige Orchester, für das er auch den größten Teil seiner zahlreichen Violinkonzerte und Sonaten schrieb. Die Ospedali entwickelten sich mit der Zeit zu musikalischen Konservatorien, in denen hochvirtuose Musikerinnen ausgebildet wurden. Einige von ihnen blieben als Berufsmusikerinnen ihr Leben lang an den Ospedali und garantierten so den Fortbestand der venezianischen Musikkultur.

Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort ›Venedig‹.

Friedrich Nietzsche

Venedig

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3. Die Oper in Venedig

Teatro La Fenice 1837 / Museo Correr
Teatro La Fenice 1837 / Museo Correr

Die Blütezeit der Oper in Venedig setzte ab Mitte des 17. Jahrhunderts ein. Zeitweise existierten rund 20 Opernhäuser in der Stadt. Waren Opern zuvor ausschließlich Teil des höfischen Unterhaltungsprogramms gewesen, öffnete 1637 schließlich das erste öffentliche Opernhaus seine Pforten. Häuser wie dieses waren Logentheater mit Stehplätzen im Parkett, an denen eine schier unglaubliche Anzahl an Stücken uraufgeführt wurde, darunter Werke von Antonio Vivaldi und Johann Adolph Hasse. Die venezianische Oper wurde so zum Anziehungspunkt für Sänger, Komponisten, Librettisten und sorgte außerdem für eine steigende Anzahl von Venedig-Touristen. Bis ins 19. Jahrhundert war Venedig neben Mailand und Neapel einer der drei zentralen Uraufführungsorte der Opern von Verdi, Donizetti oder Bellini.

Teatro La Fenice, Venedig
Teatro La Fenice, Venedig © Di Orric - immagine digitale scattata dal sottoscritto, CC BY-SA 3.0, https://it.wikipedia.org/w/index.php?curid=4395939

4. Der Markusdom

Bereits im Jahr 1316 trat der erste Organist am Markusdom sein Amt an, und schon damals standen ihm offenbar mehrere Orgeln zur Begleitung der Gottesdienste zur Verfügung. Im Jahre 1403 wurde schließlich die berühmte Singschule gegründet, die den Beginn des Aufstiegs von Venedig zu einem Zentrum europäischer Musikkultur markiert. Die Scuola di cantofermo e figurato e contrapuntto teoretico e pratico wurde staatlich finanziert; als Lehrer verpflichtete man zunächst auswärtige Musiker, beispielsweise aus den Niederlanden.

Die musikalischen Beiträge der Singschule begleiteten die Feste des Kirchenjahres und die mit ihnen verbundenen Staatsauftritte von Doge (dem Staatsoberhaupt der Republik Venedigs) und Signoria (Beratergremium der Dogen). Kapellmeister am Markusdom waren zunächst Johannes de Quadris, 1436–1457 und Pietro di Fossis, 1491–1526. 1527 übernahm der Flame Adrian Willaert das Amt bis zu seinem Tod im Jahre 1562. Komponisten aus ganz Europa kamen nach Venedig, um von Willaert zu lernen, der wesentlich zur Venezianischen Schule (Strömung von Komponisten der Renaissance) und ihrer musikalischen Innovationen wie der Doppelchörigkeit beigetragen hatte.

Markusdom, Venedig
Markusdom, Venedig © FOTO:FORTEPAN / Magyar Bálint, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50531860

Willaert hatte am Markusdom unter anderem die Sonntagskonzerte eingeführt, eine Tradition, die später auch von den Cori der Ospedali nachgeahmt und zu einer Touristenattraktion wurde. Des Weiteren vergrößerte er die Chöre und brachte die Kirchenmusik am Markusdom auf ein deutlich höheres Niveau. Sein Nachfolger in diesem Amt war übrigens viele Jahre später, von 1613 bis 1643, der berühmte italienische Komponist Claudio Monteverdi.

5. Instrumentenbau

Lauten und Rebec, (Bellini: Pala di San Giobbe, 1487)
Lauten und Rebec, (Bellini: Pala di San Giobbe, 1487) © Von Warburg - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20187700

Schon im Laufe des 15. Jahrhunderts hatten venezianische Instrumentenbauer ihre Techniken fortlaufend perfektioniert, denn vor allem Saiteninstrumente waren zu dieser Zeit im nördlichen Europa gefragt. So stieg Venedig im 17. Jahrhundert neben Cremona, Brescia, Florenz und Neapel zu einem der wichtigen Zentren für den Bau von Streichinstrumenten auf, in geringerem Maße auch von Tasteninstrumenten. Einige der Werkstätten hatten Verträge mit der Singschule des Markusdoms und den Ospedali und produzierten, verkauften, reparierten und verliehen Instrumente. Heute haben viele Instrumente aus dieser Zeit einen besonders hohen Wert. Zu wichtigen Instrumentenbauern gehörten etwa Matteo Goffriller (1659–1742), Domenico Montagnana (1686–1750) und Pietro Guarneri (1695–1761). Auch der bedeutende Tiroler Geigenbauer Jacob Stainer (1618–1683) hielt sich wahrscheinlich für einige Zeit in Venedig auf.

Autorin: Julia Mahns

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